Überprüfung von Impfstoffen in einem Krankenhaus im chinesischen Rongan | Bildquelle: AFP

Pharmaskandal Impfstoffbetrug erschüttert China

Stand: 23.07.2018 13:26 Uhr

Ein chinesischer Pharmakonzern hat einen minderwertigen Impfstoff verkauft. Verbraucher sind verunsichert, die Regierung fordert Aufklärung. Dabei wussten die Behörden seit Monaten Bescheid.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Sonntagabend im chinesischen Staatsfernsehen: Ein Sprecher verliest eine Erklärung der Staats- und Parteiführung. Ministerpräsident Li Keqiang ruft darin die staatlichen Stellen auf, den Impfstoffbetrug aufzuklären und die Verantwortlichen zu bestrafen.

Das ist bemerkenswert. Denn, dass sich ein hochrangiges Mitglied der Staatsführung an einem Wochenende zu aktuellen Geschehnissen äußert, ist in China eher selten.

Unterlagen zur Qualitätskontrolle gefälscht

Die Affäre brodelt schon seit einigen Tagen, in den vergangenen 48 Stunden kamen immer mehr Einzelheiten ans Licht. Vor gut einer Woche wurde bekannt, dass der chinesische Pharmakonzern Changsheng bei der Herstellung von Tollwut-Impfstoffen getrickst hat. Nach Angaben der Arzeimittel-Aufsichtsbehörde hat Changsheng Unterlagen gefälscht, in denen es um die Herstellung und die Qualitätskontrolle der Impfstoffe geht.

Am Donnerstag kam dann heraus, dass der Konzern auch einen minderwertigen Kombi-Impfstoff gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten in Umlauf gebracht hatte - und zwar schon vor Monaten.

"Vergangenen Oktober haben wir herausgefunden, dass die Dreifach-Impfung den Qualitätstest nicht bestanden hat," sagt Xu Jinghe von der staatlichen Medikamentenaufsicht. "Das Produkt darf deswegen nicht mehr hergestellt werden."

Die Behörden wussten Bescheid

Den Behörden war also schon seit Herbst bekannt, die breite Öffentlichkeit erfuhr aber erst in diesen Tagen davon. Warum ist unklar. Auch ist noch nicht bekannt, ob die fraglichen Impfstoffe "nur" wirkungslos oder sogar gefährlich sind. Nach ersten Angaben könnten mutmaßlich Hunderttausende Menschen betroffen sein - vor allem Kinder.

Allein in der ostchinesischen Provinz Shandong wurden mehr als 250.000 Dosen des fehlerhaften Kombi-Impfstoffes ausgeliefert, unter staatlicher Aufsicht. Der Aufschrei in der chinesischen Öffentlichkeit ist entsprechend groß.

Eine Krankenschwester bereitet eine Impfung in einem chinesischen Krankenhaus vor | Bildquelle: AFP
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Viele chinesische Kinder könnten betroffen sein - eine Krankenschwester bereitet eine Impfung vor.

"Keine große Hoffnung"

Das zeigt auch eine Umfrage in einem Shanghaier Kinderkrankenhaus. "Ich bin schockiert!" sagt eine 32-jährige Mutter. "Wie kann jemand Impfstoffe für Kinder fälschen? Ich habe auch keine große Hoffnung, dass die Regierung das Problem in den Griff bekommt. Der Grund für solche Skandale ist, dass es zu wenig staatliche Kontrolle gibt. Ich glaube, dass der Staat nur kurzfristig handeln wird. Ich bezweifle, dass er hart durchgreifen wird."

"Es heißt, dass hier in Shanghai alles sicher sei," sagt die 28-Jährige Mutter eines achtmonatigen Sohnes." "Aber selbst wenn jetzt hier alles sicher ist: in Zukunft vielleicht nicht mehr. Ich werde das alles deswegen genau verfolgen und mir ansehen, wie sie das Problem angehen."

Die Zensur blockt nicht alles 

Auch im Internet entlädt sich die Wut der Menschen. Auf den Social-Media-Plattformen Chinas ist der Impfskandal das Thema Nummer eins. In teils sehr wütenden Einträgen beschuldigen Eltern die Regierung, nicht genug gegen kriminelle Konzerne zu unternehmen.

Die staatliche Zensur lässt die Online-Proteste bisher weitgehend zu. Texte, in denen aber über Hintergründe und Hinterleute gesprochen wird, werden inzwischen zum Teil geblockt. Zeitungen, Nachrichtenseiten und Fernsehsender - sie alle sind in China staatlich gelenkt - beschäftigen sich heute vor allem mit der Afrika-Reise von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Der Impfskandal spielt dort nur eine untergeordnete Rolle.

Changsheng-Aktie im freien Fall

Die Affäre reiht sich ein in eine Vielzahl ähnlicher Skandale, bei denen Verbraucher rücksichtslos und systematisch getäuscht wurden.

Der Impfstoff-Skandal ist ein heftiger Rückschlag für Chinas heimische Pharmaindustrie. Mit massiver Unterstützung des Staates versucht sie seit Jahren, den Anteil ausländischer Medikamente in China zurückzudrängen. Mit dem nun bekannt gewordenen Betrugsskandal dürften viele Verbraucher, die es sich leisten können, erst einmal nicht mehr zu chinesischen Produkten greifen.

Entsprechend hat der Skandal bereits wirtschaftliche Konsequenzen. Der Aktienkurs der für den Skandal verantwortlichen Biotech-Firma Changsheng brach um mehr als 40 Prozent ein. Das Papier wurde daraufhin vom Handel ausgesetzt.

Wut und Empörung: Skandal um fehlerhafte Impfstoffe in China
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
23.07.2018 11:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Juli 2018 um 12:47 Uhr.

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