Ein Rettungsteam versorgt einen Verletzten.

Messerattacke auf Bahnhofspassanten China spricht von Terroranschlag

Stand: 02.03.2014 12:37 Uhr

Mit langen Messern haben Angreifer Reisende im Bahnhof von Kunming im Südwesten Chinas wahllos attackiert. Vorläufige Bilanz: 33 Tote und mehr als 140 Verletzte. Die Behörden beschuldigen uigurische Separatisten der Tat. Medien sprechen von Chinas 11. September.

Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking

Rund um den Bahnhof der Millionenstadt Kunming in Südwestchina herrscht nach der Attacke vom Samstagabend der Ausnahmezustand. Im Fernsehen sind bewaffnete Militärpolizisten zu sehen und gepanzerte Fahrzeuge. Überall patrouillieren Sicherheitskräfte.

In etwa zehn Krankenhäusern werden die Verletzten behandelt. Sie und ihre Angehörigen stehen unter Schock "Zwei der Opfer sind aus meinem Heimatort", sagt eine Frau unter Tränen im Staatsfernsehen, "Einer ist umgekommen, der Andere schwer verletzt. Auch mein Mann ist im Krankenhaus."

"Dort werden Leute getötet"

In den Geschäften rund um den Bahnhof erzählen die Menschen, was sie am späten Samstagabend erlebt haben, als auf einmal mehr als zehn schwarz gekleidete Männer mit langen Messern auf die Reisenden losgingen.

"Zwei Frauen riefen: 'Es wird dort gekämpft, dort werden Leute getötet'", erzählt ein Parkwächter. "Ich sagte erst: 'Das ist doch Quatsch.' Aber dann sah ich jemanden mit einem langen Messer - und dann fünf oder sechs andere. Alle hatten Messer und stachen auf die Leute an den ersten beiden Fahrkartenschaltern ein."

Der Besitzer eines Supermarktes erinnert sich: "Viele Leute flüchteten in meinen Laden, darunter auch zwei Verletzte. Es war furchtbar. Sie haben Leute einfach getötet."

Das Staatsfernsehen zeigte, wie die Polizei später eine Machete sicherstellte. Auf anderen Bildern waren Opfer in Blutlachen zwischen Gepäckstücken zu sehen. 29 Passanten kamen ums Leben. Zudem wurden vier Angreifer von der Polizei erschossen, weitere sollen auf der Flucht sein.

Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Die Attacke löste landesweit Entsetzen aus. Die staatlichen Medien sprechen von einem Terroranschlag und von einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In einem Kommentar der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua hieß es in Anspielung auf die Terroranschläge in den USA 2001, dies sei Chinas 11. September.

"Sie waren organisiert und haben das geplant", sagte ein Kommentator im Staatsfernsehen, "sie trugen Masken, schwangen Macheten und töteten unschuldige Menschen auf öffentlichen Plätzen. Alle Menschen in China müssen dies aufs schärfste verurteilen und mit aller Härte dagegen vorgehen."

Keine Beweise, aber ein Verdacht

Nach Angaben der örtlichen Behörden gebe es Beweise, dass uigurische Separatisten aus der Unruheregion Xinjiang für das Blutbad verantwortlich seien. Einzelheiten oder Beweise dafür wurden nicht genannt. Auch hat bislang keine Gruppierung Verantwortung für die Attacke übernommen, die nur vier Tage vor Beginn der jährlichen Parlamentssitzung in Peking verübt wurde. 

Die muslimische Minderheit der Uiguren in der nordwestchinesischen Provinz Xinjiang lehnt sich immer wieder gegen die chinesische Herrschaft auf. In der Region gibt es öfters gewalttätige Zwischenfälle. Anschläge außerhalb der Provinz wie jetzt im 1000 Kilometer entfernten Kunming sind jedoch selten.

Zuletzt hatten die Behörden im Herbst 2013 einen Selbstmordanschlag mitten in Peking ebenfalls mutmaßlichen uigurischen Separatisten zugeschrieben. Auch damals hatte sich niemand zu dem Anschlag bekannt.

Hintergrund

Die Uiguren sind ein muslimisches Volk mit etwa zehn Millionen Menschen. Mehr als acht Millionen Angehörige der Volksgruppe leben in der Region Xinjiang im Nordwesten Chinas.
Seit sich Peking Xinjiang 1955 als "Autonome Region" einverleibte und dort Han-Chinesen ansiedelte, kämpfen Uiguren im ehemaligen Ost-Turkestan für ihre Rechte. Peking hat vier Uiguren-Gruppen zu terroristischen Vereinigungen erklärt.
Menschenrechtsgruppen werfen Peking vor, die Uiguren mithilfe von Folter, Massenverhaftungen und Todesurteilen zu unterdrücken.
Xinjiang grenzt unter anderem an Pakistan und Afghanistan und ist für Peking von großer strategischer Bedeutung. Die Region ist reich an Bodenschätzen wie Kohle, Gold und Uran. Große Erdöl- und Erdgasvorkommen werden dort vermutet. Xinjiang ist fast fünf Mal so groß wie Deutschland. 19,6 Millionen Menschen leben dort.

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