Yuan Longpin | Bildquelle: ARD-Shanghai

Wissenschaftler wird 90 China feiert den "Vater des Hybridreises"

Stand: 07.09.2020 11:09 Uhr

In seiner Heimat kennt ihn jeder: Yuan Longping. Der Wissenschaftler entwickelte in den 1970er-Jahren eine Reissorte, die ganz China bis heute satt macht. Mit 90 Jahren sucht er weiter nach dem idealen Reis.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Peking

In China feiert heute ein Held der Wissenschaft seinen 90. Geburtstag: Yuan Longping. Außerhalb Chinas kennen ihn die Wenigsten, in der Volksrepublik aber ist Herr Yuan so bekannt wie bei uns Albert Einstein oder Marie Curie. Sein großes Verdienst ist die Züchtung von Reissorten, die deutlich ertragreicher sind als normaler Reis. In chinesischen Schulbüchern wird es so dargestellt: Yuan Longping sei es zu verdanken, dass die Menschen in China bereits seit Jahrzehnten genug zu Essen haben und keinen Hunger mehr leiden müssen.

Dafür zu sorgen, dass die Menschen satt werden, und zwar weltweit. Das war und ist das große Ziel des Wissenschaftlers. In seinem Heimatland China ist dieses Ziel inzwischen weitgehend erreicht und die Forschung des heute 90-Jährigen hat dazu maßgeblich beigetragen. Denn er und seine Forscherteams haben seit Anfang der 1970er-Jahre spezielle Reissorten gezüchtet, mit denen der Ernte-Ertrag deutlich gesteigert werden konnte. Angefangen habe alles mit einem Traum, sagt Yuan.

Luftaufnahme zeigt chinesische Reisbauern bei der Feldarbeit in der ostchinesischen Jiangsu-Provinz | Bildquelle: picture alliance / Tang Dehong/X
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China ist der größte Reisproduzent weltweit. Für 60 Prozent der Menschen auf der Erde ist er das Hauptnahrungsmittel. In China werden pro Kopf mehr als 100 Kilo pro Jahr verbraucht, in Deutschland sind es gerade mal etwa 5 Kilo.

"In diesem Traum stieß ich gemeinsam mit meinen Mitarbeitern auf riesige Reispflanzen: Die Reis-Rispen waren so üppig wie Besen und die Reiskörner waren so groß wie Erdnüsse. In diesem Traum legten wir uns unter diesen riesigen Reispflanzen in den Schatten. Dass der Traum mit den riesigen Reispflanzen wahr wird, wurde unser Ziel und wir arbeiten immer noch daran."

China feiert seinen Helden

In China kennt jedes Kind den Namen Yuan Longping. In Schulbüchern und Medienberichten wird er als "Vater des Hybridreises" beschrieben. Hybridreis - damit gemeint ist die nachhaltige Kreuzung von besonders robusten und ertragreichen Reissorten. Bis Anfang der 1970er-Jahre waren die meisten Biologen und Agrarwissenschaftler weltweit der Meinung, dass das nicht funktioniert. Yuan bewies mit seinen Forschungen das Gegenteil und wurde mit seiner Züchtung zum Wissenschaftshelden.

Ein offizielles Papier der Kommunistischen Partei Chinas zählte in den 1980er-Jahren den Hybridreis zu den drei wichtigsten wissenschaftlich-technischen Errungenschaften der Volksrepublik - neben der ersten chinesischen Wasserstoffbombe und dem ersten chinesischen Weltraumsatelliten. Und auch heute noch stilisieren die chinesischen Staatsmedien Yuan zum Nationalhelden.

Im April 2018 besuchte Staats- und Parteichef Xi Jinping ein Forschungsreisfeld des Wissenschaftlers. Es wurden Hände geschüttelt und lobende Worte ausgetauscht. Der staatliche Sender CCTV berichtete erfurchtsvoll: "Xi Jinping war sehr erfreut, zu hören, dass die von chinesischen Forschern angebauten Super-Hybrid-Reissorten wiederholt den weltweit höchsten Reisertragsrekord aufgestellt haben." 

"Frei und undiszipliniert"

Seit vielen Jahren mischt Yuan auch mit in Chinas Politik: als Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz, einem einmal im Jahr tagenden Beratungsgremium der Kommunistischen Staatsführung. Im Gespräch mit dem ARD-Hörfunk betonte er aber, dass er kein Parteimitglied sei und er dadurch größere Freiheiten genieße. "Wenn ich Mitglied der Kommunistischen Partei würde, wäre das eine sehr strenge Angelegenheit. Parteimitglieder müssen das Volk repräsentieren. Das schaffe ich nicht", sagt Yuan. "Dafür bin ich zu freigeistig und undiszipliniert. Ich habe deswegen nie eine KP-Mitgliedschaft beantragt. Ich bleibe lieber bei meinem Lebensstil: frei und undiszipliniert."

Die Forschung am Super-Reis geht weiter

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) schätzt, dass Yuan Hybridreissorten für durchschnittlich 20 Prozent mehr Ertrag sorgen. Auf jedem zweiten Reisfeld in China werden entsprechende Sorten heute ausgesät. Auch in vielen anderen Staaten wird der chinesische Hybridreis angebaut, sogar in den USA. Und nach wie vor arbeitet ein von Yuan geleitetes Reis-Zucht-Institut, das "Hunan Hybrid Rice Research Centre", im zentralchinesischen Changsha an Neuerungen. "Unser Forschungsziel im vergangenen Jahrhundert war es, Pflanzen mit hohem Ertrag zu züchten", erklärt der Wissenschaftler. "Heute, mit dem deutlich gestiegenen Lebensstandard der Menschen in China kommt es nicht nur an auf hohe Erträge, sondern auch auf hohe Qualität."

Ein konkretes Ziel, an dem Yuan Forschungsinstitut seit Jahren arbeitet, ist, eine Reissorte zu entwickeln, die mit salzigem Meer- oder Brackwasser zurechtkommt. Und der 90-Jährige arbeitet, wie er sagt, immer noch selbst mit. Er habe keine festen Arbeitszeiten, wenn er arbeiten wolle, gehe er ins Büro, erzählt er. "Wenn nicht, dann bleibe ich zuhause, schaue fern oder spiele Volleyball. Manchmal reise ich auch." Eines aber lässt er sich nicht nehmen, auch wenn er nicht mehr voll arbeite, er schaue jeden Tag nach seinen Reispflanzen.

Yuan Longping - Der Wunder-Reis-Erfinder wird 90
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
07.09.2020 09:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 07. September 2020 um 09:52 Uhr.

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