In Peking schützen sich Passanten mit Gesichtsmasken. | Bildquelle: dpa

Gesichtsmasken in China Ein Kleidungsstück, seit 100 Jahren

Stand: 23.04.2020 14:27 Uhr

Zum Schutz vor Krankheiten, aber auch vor Kälte, Smog und Wüstensand: Gesichtsmasken sind in China etwas Normales. Sie gehören ganz anders als in Europa schon sehr lange zum Straßenbild.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Es war Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Gesichtsmasken in China ihren Durchbruch hatten. Der renommierte malaysisch-chinesische Arzt Wu Lien-teh wurde als Chefmediziner auserkoren, um die Ausbreitung einer Lungen-Epidemie im Nordosten Chinas zu bekämpfen. Er tat das mit Hilfe von Quarantäne-Vorschriften und Abriegelung von Dörfern und Städten.

Und: Der Arzt Wu erfand eine einfache Gesichtsmaske aus Baumwolle zum Selbermachen. Dieses Baumwoll-Modell hielt sich in China mit leichten Veränderungen fast 100 Jahre lang.

Schutz schon zu Zeiten von Marco Polo

Lange vor diesen Gesichtsmasken nutzten Chinesen Tücher und Schals, um aus hygienischen Gründen Mund und Nase zu bedecken. Schon im 13. Jahrhundert notierte der Entdecker Marco Polo, dass die kaiserlichen Diener der Yuan-Dynastie ihr Gesicht mit einem Seidenschal bedeckten, wenn sie dem Kaiser Essen brachten.

Auch gegen Kälte haben Masken in China eine lange Tradition. Der 47-jährige Friseur Qin Yong aus Peking erinnert sich an seine eigene Kindheit: "Ich trug erstmals eine Maske, als ich sechs oder sieben Jahre alt war, etwa vor 40 Jahren. Meine Eltern fürchteten, dass ihre Kinder beim Jahreszeitenwechsel krank werden könnten. Normalerweise trug ich deshalb im Winter und im Frühling eine Maske", erzählt er. "Im Norden sind Masken dazu da, gerade Kindergesichter vor Kälte zu schützen."

Kälteschutz für Schulkinder

In chinesischen Spielfilmen sieht man es immer wieder: Menschen, vor allem Kinder, mit Schals oder Masken im Gesicht. In den kalten Wintern im Nordosten Chinas ist die Maske ein gewöhnliches Kleidungsstück.

Auch der 27-jährige Li Hongfeng ist damit aufgewachsen. "In meiner Kindheit trug ich im Winter eine Maske. Ich bin aus dem Norden Chinas. Es war bitterkalt in den Wintern. Ich trug die Maske, um leichter zu atmen, wenn ich mit dem Fahrrad zur Schule fuhr."

Im Nordosten Chinas leistet die Maske Schutz gegen Kälte, in zentral- und westchinesischen Provinzen Schutz gegen den Wüstensand. Und immer wieder: Schutz gegen Krankheiten. Allein die Metropole Schanghai erlebte zwölf Cholera-Ausbrüche zwischen 1912 und 1948.

Auch ein Mode-Accessoire

Als Reaktion auf eine sich von Schanghai aus im ganzen Land verbreitende Meningitis schrieb der bekannte Journalist Yan Duhe 1929 in der Zeitung "Xinwen Bao" eine Kolumne mit dem Titel: "Das Mode-Accessoire des Frühlings: die schwarze Gesichtsmaske." Darin forderte er Apotheken auf, Masken zum Selbstkostenpreis zu verkaufen.

Heute, in der Corona-Krise, sieht man in einer Stadt wie Peking auf der Straße keine Menschen ohne Maske. Alle tragen sie eine: einfache Krankenhausmasken oder auch weiterentwickelte Modelle, die viele Chinesen zum Schutz gegen Smog sowieso besitzen.

Masken sind kulturell anders verwurzelt als in Deutschland. Eine Diskussion, bei der es Monate nach dem Ausbruch einer Virus-Pandemie immer noch darum geht, wer in welchem Bundesland bei welcher Gelegenheit Masken tragen muss oder auch nicht, ist für die Chinesen eher befremdlich.

Auch für diesen Anwalt, der sich Jacky nennt. "Ich finde, das Tragen von Masken ist eine notwendige Maßnahme, um Infektionsquellen zu verringern. Es geht nicht darum, wer eine Maske tragen will, sondern dass man eine tragen muss. Vielleicht brauchen die Deutschen ihre Freiheit mehr als ihr Leben."

In der Stadt Wuhan gibt es jetzt ein gigantisches Fotografie-Projekt. Das komplette medizinische Personal, das in der Corona-Krise im Einsatz war, soll ohne Masken fotografiert werden. Insgesamt rund 42.000 Menschen, die in den vergangenen Monaten auf den Bildern im Fernsehen und in Zeitungen immer nur mit Maske zu sehen waren. Jetzt sollen sie demaskiert werden: Die medizinischen Helfer der Corona-Krise in China bekommen ein Gesicht.

Chinas Vertrauen in die Gesichtsmaske
Axel Dorloff, ARD Peking
23.04.2020 13:24 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete MDR-aktuell am 23. April 2020 um 15:21 Uhr.

Darstellung: