Militärbasis Penghu Magong in Taiwan | Bildquelle: AP

China und Taiwan Von Spannungen, Manövern und Taktik

Stand: 23.09.2020 13:09 Uhr

Die Regierung in Peking betont immer wieder, dass von China keine Gefahr ausgehe. Spannungen mit Taiwan widersprechen dem jedoch. Im Pazifik-Raum wächst die Angst vor einem militärischen Konflikt. Doch Experten beruhigen.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

In seinem Grußwort zur Generalversammlung der Vereinten Nationen gestern gab sich Xi Jinping demonstrativ pazifistisch. "Wir haben keine Absicht, einen kalten Krieg oder einen heißen Krieg zu führen gegen irgendein Land",  betonte Chinas Staats- und Parteichef in der Videobotschaft. Konflikte werde man durch Dialog und Verhandlungen lösen.

Mit der Realität haben die friedlich klingenden Worte von Xi allerdings nicht viel zu tun. Im Asien-Pazifik-Raum haben die Spannungen zwischen China und benachbarten Staaten in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. Sichtbarstes Beispiel ist zur Zeit der Taiwan-Konflikt. Die kommunistische Führung in Peking droht der demokratisch regierten Inselrepublik seit Jahren immer wieder mit Krieg. In den vergangenen Wochen haben die Spannungen deutlich zugenommen.

Provokationen auf beiden Seiten

Chinas Marine hält demonstrativ See-Manöver in der Nähe von Taiwan ab. Die staatlich gesteuerten Medien des Landes berichten ausführlich. Zuletzt haben chinesische Kampfjets mehrmals die Trennlinie überflogen, die den chinesischen vom taiwanischen Luftraum abgrenzt. Diese - bisher von beiden Seiten respektierte - Trennlinie existiere gar nicht, erklärte das Verteidigungsministerium in Peking am Wochenende.

Die Regierung von Taiwan protestierte und ließ in den vergangenen Tagen mehrmals Abfangjäger aufsteigen, um die eindringenden chinesischen Maschinen abzudrängen. Ernsthaft passiert ist bisher nichts, doch rhetorisch hat sich der Konflikt zuletzt erheblich hoch geschaukelt.

In einem Leitartikel der staatlichen chinesischen Propaganda-Zeitung "Global Times" hieß es Ende vergangener Woche: "Das Manöver des chinesischen Militärs ist keine Warnung, sondern der Testlauf für eine Übernahme Taiwans."

Internationale Einmischung unerwünscht

Die wachsende internationale Kritik an den offenen Kriegsdrohungen gegenüber Taiwan weist die kommunistische Führung in Peking zurück. Das Argument: Taiwan sei ein Landesteil der Volksrepublik.

"Taiwan ist ein heiliger, untrennbarer Teil Chinas", sagte der Sprecher des chinesischen Verteidigungsministeriums, Ren Guoqiang. Es handele sich bei Taiwan um eine rein interne chinesische Angelegenheit, "bei der wir keine ausländische Einmischung dulden".

Umfrage: Bürger Taiwans identifizieren sich kaum mit China

Auch hier sieht die Realität anders aus: Seit Gründung der Volksrepublik China durch Mao Zedong 1949 war Taiwan nie deren Teil. Vielmehr regiert sich die Insel seit Ende des chinesischen Bürgerkriegs vor 71 Jahren selbst.

Heute gilt Taiwan als die liberalste Demokratie im Osten Asiens. Und der Anteil der Menschen in Taiwan, die sich mit China identifizieren, geht seit Jahren zurück. Nach einer Umfrage des Pew Research Centers sehen sich etwa 66 Prozent der Bevölkerung als Taiwaner. Bei den jungen Menschen sind es etwa 80 Prozent.

So sagte Taiwans Außenminister Joseph Wu in einem Interview mit der Deutschen Welle:

"Taiwan wird nicht von China beherrscht. Unsere Regierung, die Präsidentin und das Parlament sind demokratisch gewählt. Wir haben ein Außenministerium, das sich mit der internationalen Staatengemeinschaft austauscht. Taiwan ist nicht Teil der Volksrepublik China. Das ist Fakt."

Xi Jinping spricht per Video vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen | Bildquelle: Eskinder Debebe/UN Photo/HANDOUT
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Bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen gab sich Chinas Staats- und Parteichef Xi demonstrativ pazifistisch.

Wachsende Angst vor militärischem Konflikt

Die Fronten sind verhärtet und zunehmend wächst im Asien-Pazifik-Raum die Angst vor einem militärischen Konflikt zwischen beiden Seiten. Zwei führende Ökonomen internationaler Großbanken in China bestätigten der ARD, dass ein möglicher Krieg zwischen China und Taiwan als eines der größten wirtschaftlichen Risiken für die nächste Zeit gesehen wird.

Dass es soweit kommt, sei aber unwahrscheinlich, betont der Außenpolitik-Experte Eric Hundman von der New York University in Shanghai. Der Konflikt verdiene international mehr Aufmerksamkeit als bisher, aber kurz vor einem Krieg stehe man wohl nicht.

"Beide Seiten haben ein großes Interesse daran, einen echten militärischen Konflikt zu vermeiden.  Auch die Amerikaner wollen dort in keinen militärische Auseinandersetzung hineingezogen werden. Die Wahrscheinlichkeit für einen echten Krieg ist also gering, das Risiko wird aber wahrscheinlich größer."

Manöver, Kriegsdrohungen: Spannungen zwischen China und Taiwan wachsen
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
23.09.2020 11:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR5 im Mittagsecho am 23. September 2020 um 13:38 Uhr.

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