Studenten im Klassenraum der Universität Peking. Im Hintergrund ein Poster vom chinesischen Vorbild Lei Feng. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Hochschulen in China Wo Studenten Dozenten bespitzeln

Stand: 05.12.2019 12:26 Uhr

Wer sich an Chinas Universitäten systemkritisch äußert, muss mit unliebsamen Konsequenzen rechnen. Unter Xi hat sich der Druck auf die Professoren erhöht.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Auf seinem alten Campus will Zhan Jiang uns nicht treffen. Bis 2017 war er Journalismus-Professor an der Fremdsprachen-Universität in Peking. Dann hat er seine Universität fünf Jahre vor seinem Pensions-Alter verlassen. Als Grund nennt er persönliche Differenzen mit einer Person an der Hochschule. Und Zhan Jiang spricht auch davon, dass es an Chinas Universitäten nicht unüblich sei, dass Studierende ihre Professoren bespitzeln und denunzieren. "Es gibt mehr Fälle als früher. Es gab sie auch schon vorher, aber es war nicht so politisch und kam nicht so häufig vor. Aber die Art der Denunzierung seitens der Studenten ist sehr unterschiedlich." Zhan Jiang erklärt, dass manche Studenten beauftragt seien zu spitzeln, andere teilten einfach nur nicht die Meinung ihrer Dozenten.

Bespitzeln als Nebenjob

Für einige ist es eine Art studentischer Nebenjob. Es sind Dokumente aufgetaucht, in denen die Aufgaben der Spitzel detailliert beschrieben sind. Radio Free Asia hatte eine solche Anweisung von der Wuhan Universität für Wissenschaft und Technik veröffentlicht. Einstellungen von Dozenten und Professoren, die nicht ins ideologische Gerüst der Kommunistischen Partei passen, sollen danach von Studierenden berichtet werden. Zhan Jiang war sich dessen als Professor bewusst. Er habe zwar stets "lebendig" unterrichtet, sei aber immer vorsichtig gewesen und habe sensible Themen nicht angesprochen. "Es ist auch so, dass Professoren in jedem Unterrichtsfach ideologische Inhalte hinzufügen müssen, auf jeden Fall in den Geisteswissenschaften.“

Ein riesiges Porträt von Staatschef Xi Jinping wird bei der Parade zum 70. Gründungstag China über den Tiananmen-Platz gerollt. | Bildquelle: AFP
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Ein riesiges Porträt von Staatschef Xi Jinping wird bei der Parade zum 70. Gründungstag China über den Tiananmen-Platz gerollt.

Ideologisierung nimmt zu

Die Ideologisierung an Chinas Universitäten hat seit 2013 unter Staats- und Parteichef Xi Jinping zugenommen. Kein chinesischer Student komme heute um verpflichtende Marxismus-Kurse nach der Interpretation der Kommunistischen Partei herum, sagt ein Germanist aus China, der seinen Namen nicht genannt haben möchte. So sei die Schulung des Marxismus verstärkt worden. "Marx, Engels, Lenin, Stalin Mao Zedong, Xi Jinpings Werke und Schriften. Das ist Gleichschaltung. Man muss solche Kurse besuchen. Man muss die Prüfung bestehen, man muss!"

Gegen die "westliche Irrlehre"

2015 ordnete der damalige chinesische Bildungsminister Yuan Guiren an, Chinas Hochschulen von sogenannter "westlicher Irrlehre" zu befreien. Jede abweichende Meinung könne gefährlich sein, sagt der anonyme Professor. Der Germanist erklärt benachteiligt zu werden. "Wenn ich was Kritisches zum Marxismus oder zur Regierung äußere, dann kann jeder Student mich melden und sogar anklagen. Es gibt solche Fälle. Und dann wurden diese Lehrer entlassen. Einfach entlassen."

Viele Dozenten und Professoren an Chinas Universitäten, die vorher noch Grenzen ausgetestet haben, würden deshalb vorsichtiger werden. Denn für alle geht es auch um den Zugang zu wissenschaftlichen Fördermitteln und -programmen. Ausschreibungen bekomme, wer sich linientreu verhalte, erklärt der anonyme Germanistik-Professor. "Die meisten Themen für diese Ausschreibungen haben erstens mit Marxismus zu tun oder zweitens mit den Ideen von Xi Jinping. Diese Ergebnisse der Forschung sind sehr einfach zu publizieren, und diese Professoren bekommen viel einfacher höhere Positionen."

Systemkonformes Studium

Das Ziel der politischen Führung: die Linientreue des Lehrpersonals an Chinas Universitäten. Mit Hilfe von Marxismus-Kursen, der gezielten Vergabe von Fördergeldern und auch mit Studenten als Spitzel. 

Wenn der Dozent zu kritisch wird
A. Dorloff, ARD Peking
05.12.2019 10:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Dezember 2019 um 05:45 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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