Kriegsmuseum in China | Bildquelle: Steffen Wurzel

China und Japan Wo der Zweite Weltkrieg schon 1931 begann

Stand: 15.08.2020 09:25 Uhr

Für China begann der Zweite Weltkrieg schon Jahre vor dem Ausbruch der Kämpfe in Europa: Im Jahr 1931 griff Japan die Republik China an. Die Kriegsgräuel sind bis heute nicht aufgearbeitet.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

In der Stadt Hailar, ganz im Norden von China, liegt am Stadtrand auf einer Anhöhe ein imposantes Weltkriegsmuseum. Vor dem Eingang stehen mehrere alte sowjetische Panzer. Aus Lautsprechern tönen Kriegslieder aus den 1940er-Jahren.

Im Foyer des Museums steht eine Steinskulptur, die ein riesiges aufgeschlagenes Buch darstellt. Auf den beiden Buchseiten steht in roten Ziffern "1931 bis 1945" und die Aufforderung: "Wu Wang" - vergiss niemals! Hinter dem Buch hängt die rote Flagge der Kommunistischen Partei Chinas, eingerahmt durch zwei Zitate von Staats- und Parteichef Xi Jinping.

Museum zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Hailar (China) | Bildquelle: Steffen Wurzel
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Ein sowjetischer Panzer erinnert in Hailar an den Einmarsch sowjetischer Truppen in den japanischen Vasallenstaat im Norden Chinas im August 1945.

Relikte einer Schlacht

Eine Museumsführerin in grüner Militäruniform führt eine Besuchergruppe durch das Gebäude. Sie hebt hervor, dass in der Ausstellung auch "Bombensplitter des 'Zwischenfalls vom 18. September' und Überreste von Schienen der Süd-Mandschurischen Eisenbahn" gezeigt werden.

Der Zwischenfall vom 18.September und die Südmandschurische Eisenbahn sind zwei Schlüsselbegriffe in China. Das japanische Kaiserreich errichtete nach einem inszenierten Angriff auf die Eisenbahnstrecke, an dem es chinesischen Truppen die Schuld gab, einen Marionettenstaat namens Man Zhou Guo, der de facto von Japan kontrolliert wurde. Der 18. September 1931 gilt in China deswegen auch als Beginn des militärischen Einmarsches Japans und damit auch als Beginn des Zweiten Weltkrieges in Asien.

Nach offizieller Lesart der chinesischen Staats- und Parteiführung forderte der Zweite Weltkrieg in China rund 35 Millionen Opfer - eingerechnet sind Tote und Verletzte, Soldaten wie Zivilisten. Detailliertere Zahlen werden in China üblicherweise nicht genannt.

Nach insgesamt 14 Kriegsjahren wurden die japanischen Besatzer erst kurz vor Kriegsende aus China vertrieben, die letzten im August und September 1945. Letztlich entscheidend für Japans Niederlage waren der US-Atombombenabwurf über dem japanischen Hiroshima am 6. August und der - sehr späte - Kriegseintritt der UdSSR zwei Tage später, erklärt der Shanghaier Historiker Ma Jun:

"Vereinfacht gesagt: Der Grund dafür, dass China den Krieg auf Seite der Gewinner beendet hat, war, abgesehen von der mutig kämpfenden Bevölkerung, dass China während des gesamten Weltkriegs an der Seite der beiden mächtigsten Staaten stand. Das waren die USA und die Sowjetunion."

Erinnerung an das Massaker von Nanjing

Als einschneidendes Ereignis während des Zweiten Weltkriegs gilt in der öffentlichen Wahrnehmung in China das Massaker von Nanjing. Ab Dezember 1937 ermordeten die japanischen Besatzer in der ostchinesischen Stadt zwischen 200.000 und 300.000 Menschen. Tausende Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt.

Diese japanischen Kriegsverbrechen lasten noch heute schwer auf den Beziehungen zwischen den beiden früheren Kriegsgegnern China und Japan. Auch 75 Jahre nach Kriegsende haben beide Staaten ihre Beziehungen nicht wirklich normalisiert, vieles wurde bis heute nicht aufgearbeitet.

Im Gegenteil: In Alltags-Fernsehdramen und historischen Seifenopern wird häufig immer noch das stereotype Bild vom blutrünstigen japanischen Krieger gezeichnet, und das zur besten Sendezeit im staatlichen chinesischen Fernsehen.

Japanische Soldaten bejubeln 1937 die Einnahme der Stadt Nanjing | Bildquelle: picture alliance / Photo12/Ann R
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1937 nahmen japanische Truppen die Stadt Nanjing ein. Dabei wurden Hunderttausende Soldaten und Gefangene ermordet und Zehntausende Frauen und Mädchen vergewaltigt.

Keine Aufarbeitung, keine Aussöhnung

Dass die Kriegsgräuel in den Jahrzehnten bis heute nicht richtig aufgearbeitet wurden, sei einer der entscheidenden Unterschiede zu Europa, betont der Shanghaier Historiker Ma. Von einer Aussöhnung, wie etwa zwischen Frankreich und Deutschland, könne in Asien keine Rede sein:

"Etwas Ähnliches, eine Versöhnung zwischen China und Japan, wird es hier nur geben, wenn beiden Staaten ihre politischen und sozial-gesellschaftlichen Unterschiede überwinden. In dieser Hinsicht muss noch ein weiter Weg zurückgelegt werden."

Chinas kommunistische Staats- und Parteiführung hat offenkundig auch andere Prioritäten. Was etwa Kindern im Schulunterricht vermittelt wird und was in aktuellen Geschichtsbüchern steht, setze andere Schwerpunkte, erklärt Ma. "Es geht darum, Chinas Verdienste während des Krieges als bedeutender darzustellen als bisher. Ob das aus wissenschaftlicher Sicht Sinn ergibt oder ein politisches Motiv ist, darüber lässt sich streiten."

Nach dem Weltkrieg ging der Bürgerkrieg weiter

Die heutige kommunistisch regierte Volksrepublik China, wurde erst vier Jahre nach Kriegsende gegründet. Während des Zweiten Weltkriegs gab es noch die Republik China unter den so genannten Guomindang. Gleichzeitig tobte aber bereits der chinesische Bürgerkrieg: Die Guomindang kämpften gegen die aufstrebenden Kommunisten mit Mao Zedong an der Spitze. Der konnte sich schließlich durchsetzen, und im Herbst 1949 rief Mao die heutige Volksrepubik China aus.

Heute, sagt Historiker Ma, werde in Chinas Geschichtsschreibung zunehmend die Rolle der Kommunistischen Partei während des Weltkriegs betont.

"Denn während die regulären Truppen der Republik China - die Guomindang - alles versuchten, um Kämpfen mit den Japanern aus dem Weg zu gehen, leisteten die kommunistischen Kämpfer jederzeit vollen Widerstand gegen das japanische Militär."

Der 75. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs in Asien spielt in China keine besonders große Rolle. Was Gedenk- und Jahrestage angeht, richtet sich der Blick der Staats- und Parteiführung vor allem nach innen.

Zweiter Weltkrieg: 14-jähriger Kampf China gegen Japan - und noch immer keine Aufarbeitung
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
14.08.2020 14:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. August 2020 um 09:50 Uhr.

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