Junge Chinesen wissen kaum etwas über das Tiananmen-Massaker "Der 4. Juni 1989? Was war da los?"

Stand: 04.06.2008 13:03 Uhr

Hunderte Menschen starben, als vor 19 Jahren die Demokratiebewegung in China blutig niedergeschlagen wurde. Von den heute jungen Chinesen weiß das kaum jemand. Webseiten, die daran erinnern sollen, werden zensiert. Keine Spur von der "Offenheit", die die Regierung beim Beben gezeigt hat.

Von Petra Aldenrath, ARD-Hörfunkkorrespondentin Peking

Touristen auf dem Platz des Himmlischen Friedens
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Touristen auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Vor 19 Jahren wurde an dieser Stelle die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen.

Rund um den Platz des Himmlischen Friedens, dem Pekinger Tiananmen-Platz, braust der Verkehr. Auf dem Platz selber lassen Kinder Drachen steigen, Touristen flanieren, Soldaten stehen Wache. Nirgendwo auf dem Platz finden sich Zeichen, dass im Jahr 1989 in der Nacht des 4. Juni hier und in den Straßen rundherum die chinesische Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen wurde. Hunderte Menschen wurden damals von den Schüssen der Soldaten getötet oder von Panzern überrollt.

Die Wahrheit ist nach wie vor tabu

"Der 4 Juni 1989? Was war da los?" so die Reaktion eines jungen Mannes, der auf das Datum angesprochen wird. "Es gab Unruhen, oder? Ein wenig habe ich davon gehört, aber eigentlich weiß ich nicht viel darüber", sagt der 23-Jährige. So wie er haben heute viele junge Leute keine Ahnung, was am 4. Juni vor 19 Jahren geschah. Die Wahrheit um das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens ist nach wie vor tabu.

Ein Student blockiert einen Panzer
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Dieses Bild vom Juni 1989 ging um die Welt: Ein Chinese blockiert Panzer, die den Changan Boulevard nahe dem Tiananmen Platz entlangfahren.

Noch immer ist nicht bekannt, wie viele Menschen damals starben. Dass die Jugend deshalb kaum etwas über das Massaker weiß, ist für die 72-jährige Ding Zilin erschütternd: "Das ist ein Verbrechen. Aber dieses Verbrechen sollte man nicht der Jugend anlasten, sondern der kommunistischen Partei. Sie versucht alles, damit die Ereignisse von damals in Vergessenheit geraten." Ding Zilin wird nie vergessen. Ihr Sohn wurde in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni erschossen - kurz nachdem er seinen 17 Geburtstag gefeiert hatte. Mutter Ding fällt es noch immer schwer über das Massaker zu sprechen. In ihrer Wohnung hat sie eine Gedenk-Ecke an ihren Sohn eingerichtet. Ein Bild von ihm als Demonstrant hängt über der Urne mit seiner Asche. Vor der Urne liegen frische Blumen.

Website von der Staatsicherheit zensiert

Die ehemalige Professorin ist die Sprecherin der "Mütter des Tiananmen". Das ist eine Gruppe von Frauen, deren Kinder bei dem Massaker am 4. Juni ums Leben kamen oder die seitdem verschwunden sind. In diesem Jahr haben die "Mütter des Tiananmen" auf ihrer Webseite eine Landkarte veröffentlicht mit den Orten, an denen Demonstranten erschossen wurden. Die Webseite wurde sofort von der chinesischen Staatssicherheit zensiert. Auf der Webseite erinnern die Mütter in diesem Jahr nicht nur an die Opfer des Massakers, sondern auch an die des Erdbebens.

Ding Zili, Sprecherin der "Mütter des Tiananmen"
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Ding Zili hat bei dem Massaker ihren Sohn verloren. In ihrer Wohnung hat sie eine Gedenk-Ecke eingerichtet.

"Das Erdbeben hat gezeigt, dass die chinesische Regierung mit zwei Maßstäben misst", meint Ding. "Sie haben sich um die Opfer des Erdbebens gekümmert, aber um uns kümmern sie sich nicht. Sie lassen uns sogar überwachen. Wir wollen nicht so sein wie die Regierung. Wir haben unsere Kinder verloren und nun haben wir gesehen, wie Kinder unter eingestürzten Häusern begraben wurden, die schlecht gebaut waren und wir haben gesehen, wie wieder Mütter um ihre Kinder weinen und das macht uns traurig."

"Dem einfachen Volk wird Gerechtigkeit widerfahren"

China hat gezeigt, dass es wirksam auf eine Naturkatastrophe reagieren kann, sagen Menschenrechtsorganisationen und fordern die Regierung auf, das gleiche zu tun, wenn es um Menschenrechte geht. Den "Müttern des Tiananmen" ist bisher keine Gerechtigkeit widerfahren. Auch wenn heute nichts an das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens erinnern soll, eines Tages, so ein älterer Passant, werde sich die Geschichte rächen: "Ich glaube, dem einfachen Volk wird Gerechtigkeit widerfahren. Irgendwann eines Tages wird die Wahrheit über das Massaker herauskommen. Wenn Wunden heilen, gibt es Narben. Diese Narben wird man immer sehen und sie werden an die Geschichte erinnern."

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