Symbolbild mit Kreuz und einem Kardinal | Bildquelle: picture alliance/dpa

Chronik des Missbrauchsskandals Der lange Weg ans Licht

Stand: 21.02.2019 08:12 Uhr

Mit einem Zeitungsbericht in den USA begann 2002 die Aufdeckung des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche. Dass der Schutz der Täter System hatte, wurde bald offensichtlich.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom

"Fast immer waren seine Opfer Jungen aus der Grundschule. Einer war erst vier Jahre alt." Das sind die ersten zwei Sätze eines Artikels, der am 6. Januar 2002 im "Boston Globe" erschien und der die katholische Kirche in eine Krise gestürzt hat, die bis heute anhält. Die Zeitung berichtete damals über einen Priester, der jahrzehntelang Kinder sexuell missbraucht hatte. Der Film "Spotlight" setzte dieser Rechercheleistung vor drei Jahren ein Denkmal.

Die Kirchenleitung wusste davon und deckte den Täter. Ein gängiges Muster, wie sich herausstellen sollte: Auch die Kirchen in Irland, Australien, Kanada wurden vom Missbrauchsskandal erschüttert. In Deutschland verabschiedete die Deutsche Bischofskonferenz noch im Jahr 2002 Richtlinien - auch hier gab es einzelne Fälle, zum Beispiel im Bistum Regensburg, wo der damalige Bischof Gerhard Ludwig Müller einen wegen Missbrauchs bereits vorbestraften Pfarrer in einer Gemeinde einsetzte, wo der sich erneut an Kindern verging. 

Fälle in Deutschland wurden nach und nach bekannt

Nur ein Einzelfall? Im Jahr 2010 meldeten sich ehemalige Schüler bei Pater Klaus Mertes, dem Direktor des Berliner Canisius Kollegs, und berichteten von Übergriffen durch Patres in den 1970er- und 1980er-Jahren. "Da ist mir klar geworden: Es gibt eine große Dunkelziffer und der gegenüber habe ich eine Verantwortung", sagte Mertes. "In dem Moment, wo ich weiß: Es gibt eine Dunkelziffer in den Jahrgängen der 70er- und 80er-Jahre, muss ich ein Signal geben."

Papst Benedikt
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Unter Papst Benedikt XVI. wurden mehr als 400 Priester ihres Amtes enthoben.

Das Signal verfehlte nicht seine Wirkung. Auch aus anderen katholischen Einrichtungen meldeten sich Betroffene. So wurden im Internat der Benediktinerabtei Ettal über Jahrzehnte Schüler körperlich misshandelt und sexuell missbraucht.

In ganz Europa gab es neue Vorwürfe. Papst Benedikt XVI. griff durch, in den Jahren 2011 und 2012 wurden mehr als 400 Priester ihres Amtes enthoben. "Auch die Kirche muss den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die in Wahrheit Verführungen sind", sagte Benedikt XVI.

Franziskus berief Kommission

Benedikts Nachfolger Franziskus setzte den Kampf gegen den Missbrauch fort. Im März 2014 ernannte er eine Kommission für den Schutz von Minderjährigen. Mitglied wurde auch Marie Collins, die als Kind in Irland von einem Priester missbraucht worden war.

Papst Franziskus spricht bei einer Gebetswache auf dem Weltjugendtag in Panama-Stadt. | Bildquelle: AP
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Auf die von Papst Franziskus eingesetzte Kommission folgten zunächst keine Taten.

Die Kommission habe Vorschläge gemacht, sagt Collins, der Papst habe aber nichts unternommen, um sie umzusetzen. "Er versteht vielleicht besser als seine Vorgänger, welchen Schaden Missbrauch anrichtet", sagt Collins. "Er ist schockiert von Priestern, die Kinder missbrauchen, seine Worte sind stark, aber es folgen keine Taten. Und das ist die Enttäuschung."

Spätestens im Jahr 2018 muss Papst Franziskus erkannt haben, dass es mit starken Worten allein nicht getan ist: In Australien steht Kardinal Pell, einer der wichtigsten Mitarbeiter von Papst Franziskus, vor Gericht, weil er Missbrauch verschleiert, aber auch selbst begangen haben soll.

Allein 300 beschuldigte Priester in Pennsylvania

Ein staatlicher Untersuchungsbericht hat gezeigt, dass allein im US-Bundesstaat Pennsylvania 300 Priester in den vergangenen Jahrzehnten des Missbrauchs beschuldigt wurden. Und in Deutschland zählte eine Studie fast 3800 Betroffene seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte die Studie in Auftrag gegeben.

"Um der Institution willen, haben wir weggeschaut. Und um des Schutzes von Bischöfen und Priestern willen", sagte Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. "Wir lassen Machtstrukturen zu und haben einen Klerikalismus gefördert, von dem auch in der Studie die Rede ist, der Gewalt und Missbrauch begünstigt hat. "

Das nächste Kapitel in der Missbrauchsgeschichte der katholischen Kirche wird nun in den kommenden Tagen in Rom aufgeschlagen. Es geht um Schadensbegrenzung. Für ein Happy End ist es zu spät.

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