Blick in eine Gasse in Orvieto | Bildquelle: picture alliance / prisma

20 Jahre Cittàslow Der Erfolg der langsamen Städte

Stand: 20.06.2019 14:05 Uhr

McDonald's ist tabu - und das Gemüse kommt direkt vom Feld in die Küche: Die Cittàslow-Bewegung will Städte lebenswerter machen und ihre Einzigartigkeit erhalten. Eine italienische Gemeinde zeigt, wie es geht.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Es ist der Ort, an dem der Wandel greifbar ist. Stefano Cimicchi steht auf dem zentralen Platz Orvietos und erinnert sich daran, wie es vor 20 Jahren aussah. "Hier gab es donnerstags und samstags einen Markt", sagt er. "Ansonsten war es ein Parkplatz." Jetzt gebe es hier keine Autos mehr. "Die Menschen haben den Platz zurückerobert. Und all diese Geschäfte und Restaurants hier gab es früher nicht - das waren unter anderem Garagen."

Die Piazza del Popolo in Orvieto ist von einem tristen Autoabstellplatz zu einer Bühne des städtischen Lebens geworden. Dank des Konzepts der Cittàslow, der langsamen Stadt, das Cimicchi, damals Bürgermeister von Orvieto, mit drei Amtskollegen aus der Gegend vor 20 Jahren entworfen hat.

Ein Fahrrad mit Blumen steht in einer Gasse in Orvieto | Bildquelle: picture alliance / zb
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Eine Gasse in Orvieto - die Stadt in der italienischen Region Umbrien gilt als Wiege der Cittàslow-Bewegung.

Direkt vom Feld in die Küche

Valentina Santanicchio betreibt ihr Restaurant seit kurzem an der veränderten Piazza. "Wir sind an diesen Platz umgezogen, weil er einer der schönsten Orte Orvietos geworden ist", sagt sie. "Es ist ein schönes Symbol von Cittàslow. Hier gibt es seit Jahrhunderten einen Markt, auf dem Bauern ihre Ware verkaufen, die direkt vom Feld kommen."

Die Restaurant-Besitzerin kann so quasi durch das Fenster einkaufen. Ihre Küche ist durch lokale Produkte, Gemüse und Früchte der jeweiligen Jahreszeit geprägt. Die Slowfood-Bewegung ist eine Wurzel der Cittáslow. Wertschätzung des Lokalen, Rücksicht auf die Umwelt - das seien zwei Leitlinien des Städtebunds, sagt Geschäftsführer Pier Giorgio Oliveti. "Die Bürgermeister, die Cittàslow erfunden haben, waren aktive Visionäre. Ihre Vision, dass man seine eigene Geschichte, seine eigene Kultur respektieren muss. Aber auch das Bewusstsein von Grenzen in allen Dingen, die wir tun, auch in der Gestaltung einer Stadt - das ist absolut ein aktuelles Thema."

McDonald's & Co sind in Innenstädten tabu

Mittlerweile 269 Städte in 30 Ländern haben sich dem Konzept von Cittàslow angeschlossen. Auch 21 Städte und Gemeinden aus Deutschland sind dabei, auf der Bewerberliste sehen weltweit mehrere 100 Kommunen.

Die Kriterien aber sind streng. McDonald's, Starbucks oder andere internationale Ketten sind in den Innenstädten tabu, auch in Sachen Verkehr, Umwelt, Nachhaltigkeit und Kultur sowie im sozialen Zusammenhalt müssen die Städte hohe Kriterien erfüllen. Eine Cittàslow, sagt Geschäftsführer Oliveti, sei immer eine lebenswerte Stadt, eine Stadt der positiven Langsamkeit. "Die positive Langsamkeit ist nicht die Langsamkeit der Verspätung, die Züge, die nicht pünktlich sind, die Bürokratie, die langsam ist. Nein, Cittàslow ist reflektierte Langsamkeit, Einschleunigung. Unsere Städte sind dadurch extrem modern, extrem effizient."

Deutsche Cittàslow-Gemeinden

Zum Cittàslow-Netzwerk gehören aktuell 21 Städte und Gemeinden in Deutschland: Hersbruck, Waldkirch, Überlingen, Lüdinghausen, Wirsberg, Penzlin, Deidesheim, Nördlingen, Bad Schussenried, Blieskastel, Bischofsheim, Berching, Meldorf, Bad Essen, Spalt, Schneverdingen, Maikammer, Bad Wimpfen, Michelstadt, Schwetzingen, Zwingenberg.

Viele Firmen im digitalen Bereich

Eine museumsähnliche Stadt, sagt Oliveti, hätte keine Chance, Cittàslow zu werden. Orvieto, die Wiege der entschleunigten Städte, ist stolz auf sein kostenloses, fast flächendeckendes Wifi-Netz im Zentrum. Auch das, sagt Cittàslow-Erfinder Cimicchi, sei Teil des Konzepts. "Es gibt hier viele Firmen im digitalen Bereich, die Weltspitze sind." Das sei kein Zufall. "Die Verantwortlichen dieser Firmen haben mir gesagt, sie kommen, weil Orvieto Lebensqualität zu bieten hat, aber auch eine effiziente Verwaltung und beispielsweise ein gutes Netz an Kinderbetreuung. Das sind Firmen mit Hunderten jungen Leute, die im Bereich der Informatik und der Elektronik arbeiten."

Modernität und Respekt vor der Tradition - Cimicchi hat in seiner Zeit als Bürgermeister auch verfügt, dass in einem repräsentativen Gebäude im Zentrum immer nur eine Buchhandlung betrieben werden darf. Zum 20. Geburtstag von Cittàslow kommen Vertreter von Mitgliedsstädten, unter anderem auch aus Korea, Kanada und Kolumbien nach Orvieto. Vier Tage wollen sie sich über die besten Ideen für langsames Leben auszutauschen.

Erfolg der Langsamkeit: Cittàslow wird 20 Jahre alt
Jörg Seisselberg, ARD Rom
20.06.2019 13:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 20. Juni 2019 um 13:51 Uhr.

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