Colonia Dignidad | Bildquelle: Matthias Ebert

Colonia Dignidad Verzögert Corona die Aufklärung?

Stand: 13.04.2020 15:26 Uhr

Die deutsche Sektengemeinde Colonia Dignidad in Chile war Ort von Missbrauch, Folter und Mord. Jetzt wurde die Ex-Kolonie erneut abgeriegelt, angeblich wegen der Corona-Pandemie. Die Opfer sind empört.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Mehr als 40 Jahre Zwangsarbeit, gepeinigt schon als Kind, ruhig gestellt mit Psychopharmaka. Das Leben von Horst Schaffrik gleicht einer Horrorgeschichte. Er ist ein Colono, wie die Bewohner der Colonia Dignidad genannt werden, wurde hineingeboren in diese deutsche Sektenenklave, die 1961 vom pädophilen Laienprediger Paul Schäfer in den chilenischen Anden gegründet wurde. Ein hermetisch abgeriegeltes Terrorregime.

2005 wurde Schäfer auf der Flucht verhaftet. Schaffrik blieb auf dem Fundo, der Farm. Wo sollte er auch hin, psychisch und körperlich gebrochen und ohne Geld? Vor wenigen Tagen erhielt er eine Nachricht aufs Handy: "Angesichts der bekannten gesundheitlichen Situation im Land, dürfen weder Besucher, noch Verwandte noch Parzellenbesitzer, die von außerhalb kommen, ins Fundo gelassen werden."

Landarbeit in der Colonia Dignidad | Bildquelle: dpa
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Landarbeit in der Colonia Dignidad

Ein Schock für die ehemaligen Siedler

Die Colonia erneut abgeriegelt. Für Schaffrik und andere Colonos, wie sich die ehemaligen Siedler nennen, ein Schock. Die Anweisung kam von Nachfahren der ehemaligen Führungsriege, allen voran vom ehemaligen Leibwächter Schäfers, Friedhelm Zeitner und wurde über die Köpfe der Gemeinschaft hinweg getroffen.

"Bestimmungen über die Eltern, Bestimmungen über die Kinder, Bestimmungen über die Porteria, meines Erachtens ist diese Gelegenheit vom Coronavirus die willkommenste, um solche Machtpositionen in Zukunft weiter auszuüben", sagt Schaffrik. "Wir, die diese ganze brutale, autoritäre Vergangenheit hinter uns haben, wir sind dermaßen erbost, dass sich heute ein neuer Schäfer hier aufmacht, um uns zu bestimmen und die Leute anzuschreiben und so weiter."

Enger Draht zu Pinochet

Der Anwalt der Opfer, Winfried Hempel, legte sofort Einspruch gegen die Ausgangssperre ein. In der Kolonie, die sich inzwischen Villa Baviera nennt und dem Tourismus widmet, hätten die Nachfahren der einstigen Führungsriege bis heute das Sagen und behinderten eine transparente Aufarbeitung.

Doch auch von offizieller Seite gebe es wenig Druck, so Hempel. Lange hatten sowohl Deutschland als auch Chile nicht nur weggeschaut, man hielt enge Verbindungen. Chiles Diktator Pinochet ließ sogar Oppositionelle auf dem Gelände foltern und ermorden.

Myrna Troncoso vermutet, dass ihr Bruder dort noch immer in einem Massengrab verscharrt liegt: "In Chile gab es nie den Willen, wirklich aufzuklären. Deshalb müssen wir so lange kämpfen, um die Wahrheit zu erfahren", sagt sie.

Es fehlt an Geld, Personal und Know-How

Zwar haben Deutschland und Chile 2017 endlich erklärt, dass man sich gemeinsam um Aufklärung bemühen wolle. Nachforschungen sind angelaufen, doch sie stocken. Für flächendeckende Grabungen nach sterblichen Überresten fehlen dem zuständigen Ermittlungsrichter Geld und Personal, für die Auswertung der Proben fehlen in Chile Labore und forensisches Know-How.

Politisch zuständig für die Aufklärung ist in Chile Justizminister Hernán Larrain, doch auch er hielt lange enge Verbindungen zur Colonia, erklärt Anwalt Hempel: "Der Herr Larrain ist ja nicht nur Justizminister, der ist auch Menschenrechtsminister. Dazu muss man wissen, dass er ein ganz enger Freund von Pinochet war und ein ganz enger Mitarbeiter von dem Regime und von Paul Schäfer war. Der Mann hat seine Geschichte, er hat jahrelang für die Kolonie gearbeitet, von dem kann man jetzt nicht erwarten, dass er plötzlich in die entgegensetzte Richtung arbeitet."

Hilfsgelder kommen nicht an

Zu beiden von der Menschenrechtskommission des chilenischen Kongresses einberufenen Sitzungen, bei der Larrain Stellung zu Versäumnissen in der Aufklärung nehmen sollte, erschien er nicht. Erklärung: wegen Corona. Eine unglaubliche Respektlosigkeit, sagt Myrna Troncoso: "Das einzige, was wir heute vom Justizminister erwarten, ist, dass er zurücktritt. Er hat nichts gemacht, außer die Zusammenarbeit mit der deutsch-chilenischen Aufklärungskommission zu behindern."

Auch Horst Schaffrik war bei der Sitzung dabei, er sprach dort über die nach wie vor undurchsichtigen Strukturen in der Ex-Kolonie. Dafür wird er jetzt angefeindet, von Nachfahren der einstigen Führungsriege, die das Fundo, die Farm, heute verwalten. Sein wichtigstes Einkommen, das Verkaufen von Schafen, kam durch die Ausgangssperre zum Erliegen. Gelder aus dem von Deutschland bewilligten Hilfsfonds kamen bisher nicht bei ihm an.

Derweil wartet Myrna Troncoso weiter auf die Wahrheit über das Verschwinden ihres Bruders, während der einstige Sektenarzt Hartmut Hopp, der in Chile wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch verurteilt wurde, unbehelligt in Krefeld lebt. Die deutsche Justiz stellte die Ermittlungen gegen ihn im vergangenen Jahr ein. Die Horrorgeschichte der Colonia Dignidad, sie ist bis heute nicht zu Ende.

Der Lockdown verzögert die Aufklärung um die Sektengemeinde Colonia Dignidad
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
13.04.2020 16:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. April 2020 um 13:06 Uhr.

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