Menschen auf einem Markt in Erbaba

Corona-Krise in Ägypten "Wir überlassen das dem lieben Gott"

Stand: 17.04.2020 05:04 Uhr

Offiziell gibt es in Ägypten weniger als 3000 Covid-19-Infizierte. Weniger als 200 Menschen sind den Angaben zufolge gestorben. Wer etwas anderes behauptet, wird bestraft. Im Alltag ergeben sich die Ägypter in ihr Schicksal.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Tomaten, Zucchini, Auberginen, Paprika - das Angebot auf dem Markt in Embaba ist riesig. Zwischen Bergen von Orangen und Wassermelonen drängen sich Menschen mit schweren Einkaufstaschen, prüfen die Qualität von Datteln, Brot und Käse. Naser Mohamed Ahmed schiebt einen Holzwagen mit frischer Minze vor sich her. Die dicken Bündel kosten hier nicht einmal halb so viel wie in der Innenstadt. Das Geschäft - das laufe so einigermaßen, sagt der Verkäufer. 

"Gott bestimmt, was wir verdienen - aber es ist weniger geworden. Momentan sind wir knapp bei Kasse. Wegen der Ausgangssperre gehen wir früh nach Hause. Da desinfizieren wir uns und ziehen unsere Kleidung aus, um unsere Kinder zu schützen. Krankheit kommt von Gott und auch die Genesung."

Ein paar Meter weiter steht Mohammed hinter einem Stand. Er verkauft Salat, steht dicht an dicht mit seinen Kunden. "Es ist eine Pandemie, aber Corona interessiert die Leute nicht. Wir überlassen das dem lieben Gott. Das ist Schicksal; wer krank wird, der leidet."

Längst nicht alle Kairoer haben fließendes Wasser

Distanz zu anderen Menschen halten, eine Maske tragen, sich regelmäßig die Hände waschen - diese Empfehlungen befolgen nur wenige Menschen in den ärmeren Vierteln von Kairo. Längst nicht alle haben Zugang zu fließendem Wasser, viele leben in ärmlichen Verhältnissen - in einer Stadt, deren Einwohnerzahl auf 20 Millionen geschätzt wird.

Offiziellen Zahlen darf nicht widersprochen werden

Offiziellen Angaben zufolge ist die Zahl der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus niedrig: Demnach haben sich weniger als 3000 Menschen infiziert, weniger als 200 Menschen sind daran gestorben. Doch bislang wurden kaum Menschen getestet, und die Regierung hat bereits klar gemacht: Wer den offiziellen Zahlen widerspricht, muss mit Geld- und Haftstrafen rechnen. Eine britische Journalistin wurde Ende März des Landes verwiesen, weil sie in ihrem Artikel für die Zeitung "The Guardian" eine kanadische Studie zitierte, die von deutlich höheren Infektionszahlen in Ägypten ausgeht.

Die Armee veröffentlicht Propaganda-Videos mit Militärfahrzeugen, die öffentlichkeitswirksam die Umgebung besprühen. Soldaten in Schutzanzügen haben in den vergangenen Wochen zahlreiche Straßen und Plätze desinfiziert. Um die Gefahr durch das Coronavirus einzudämmen, hat die ägyptische Regierung außerdem die Schulen, Universitäten, Kirchen, Moscheen, archäologische Stätten, Parks und Strände bis auf weiteres schließen lassen. Auch viele Geschäfte sind geschlossen.

Ausgangssperre zwischen 20 Uhr und sechs Uhr

Eine vollständige Ausgangssperre will Präsident Abd al-Fatah al-Sisi aus Sorge vor weiterem Schaden für die Wirtschaft nicht verhängen. Lediglich zwischen acht Uhr abends und sechs Uhr morgens gibt es eine Ausgangssperre.

Tagsüber sind die Straßen in der Islamischen Altstadt ähnlich belebt wie sonst: Händler verkaufen Haushaltswaren, Schmuck und Plastikspielzeug. Nur die Touristen kommen nicht mehr. Flugzeuge aus dem Ausland dürfen nicht mehr in Ägypten landen.

Rafik Boules leitet das Riad Hotel de Charme ganz in der Nähe des Basars Khan El-Khalili. Er hält den Betrieb aufrecht, obwohl das Boutique-Hotel seit Ende März geschlossen ist: "Das wichtigste Thema, über das wir alle reden, ist: wie wir unser Personal halten können - möglichst ohne die Gehälter zu senken. Ich denke, die Unterstützung der Regierung würde uns dabei sehr helfen."

Regierung stellt sechs Milliarden Euro zur Verfügung

Die Regierung hat knapp sechs Milliarden Euro bereitgestellt, um die Auswirkungen der Corona-Krise abzufedern. Unter anderem will sie den zahlreichen Schwarzarbeitern ein Vierteljahr lang 500 ägyptische Pfund zahlen - also umgerechnet knapp 30 Euro pro Monat. Bereits vor der Pandemie lebte nach Regierungsangaben jeder dritte der 100 Millionen Ägypter in Armut.

Auf dem Markt in Embaba ist von der Corona-Pandemie kaum etwas zu spüren. Nur sehr wenige Menschen, die hier arbeiten oder einkaufen, scheinen sich darum zu kümmern. Zeinab Mohamen allerdings macht sich Sorgen. Die Maske trage sie wegen der Ansteckungsgefahr, denn man wisse nie, was in der Luft liege auf so einem Markt oder bei Gedränge. 

"Um ehrlich zu sein, meide ich die überfüllten Straßen und suche mir einen anderen Weg, um die Gefahr zu vermeiden. Eigentlich sollten die Leute nicht so auf die Straße gehen, um zumindest um ihre Familien und die Kinder zu schützen."

"Alles unter Kontrolle" - Corona in Ägypten
Anne Allmeling, ARD Kairo
17.04.2020 06:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. April 2020 um 13:11 Uhr.

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