Fiebermessung in Kabul, Afghanistan | Bildquelle: REUTERS

Corona in Afghanistan Angst vor dem Horrorszenario

Stand: 28.03.2020 11:36 Uhr

In Afghanistan tritt heute eine dreiwöchige Ausgangssperre in Kraft. In dem kriegszerrütteten Land gibt es aktuell gut 100 nachgewiesene Fälle. Die Dunkelziffer dürfte jedoch um ein Vielfaches höher sein.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

In der afghanischen Hauptstadt gilt von heute an eine dreiwöchige Ausgangssperre. Man wolle damit die Ausbreitung der Corona-Epidemie bremsen, sagte der Gouverneur von Kabul, Mohammad Yakub Haidari, bei einer Pressekonferenz. Der öffentliche Personennahverkehr werde eingestellt, Hochzeitshallen, Sporteinrichtungen und Gebetshäuser blieben geschlossen.

"Wir rufen alle Einwohner von Kabul auf, zu Hause zu bleiben und für dringende Einkäufe auf die Straße zu gehen", appelliert Haidari an die Bevölkerung. Menschenansammlungen sollten vermieden werden und jeder solle alle hygienischen Vorsichtsmaßnahmen gegen das Coronavirus treffen, die das Gesundheitsministerium bekannt gegeben habe.

Anti-Terror-Kräfte im Einsatz gegen Corona

Kurz vor Inkrafttreten der Ausgangssperre herrschte auf den Märkten der Hauptstadt noch einmal Hochbetrieb. Doch die Polizei werde dafür sorgen, dass die Ausgangssperre eingehalten werde, so Innenminister Masoood Andrabi. Sicherheitskräfte, die sonst an den Checkpoints stehen, um nach Terroristen zu suchen, beteiligen sich jetzt am Kampf gegen Corona.

"Um die Bevölkerung vor der Ausbreitung des Virus zu schützen, muss jeder diese restriktiven Maßnahmen befolgen und darauf achten, dass auch andere das tun", mahnt der Innenminister. "Sollte sich jemand den Anordnungen widersetzen, wird die Polizei zusammen mit den anderen Sicherheitskräften einschreiten."

Gefahr aus dem benachbarten Iran

Das afghanische Gesundheitsministerium befürchtet, dass mehr als 100.000 Menschen sterben könnten, sollte sich das Coronavirus landesweit ausbreiten. Im schlimmsten Fall gehe die Regierung davon aus, dass 80 Prozent der Bevölkerung an COVID-19 erkranken, so der Sprecher des Gesundheitsministeriums Wahidullah Mayar. Offiziell gibt es in Afghanistan bislang gut 100 Corona-Fälle, zwei Menschen sind den Angaben zufolge bereits gestorben.

Besonders schlimm ist es im Westen des Landes, an der Grenze zum Iran, einem der weltweiten Corona-Hotspots. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kommen täglich Tausende Afghanen aus Angst vor dem Virus aus dem Iran nach Hause zurück. Allein in der ersten März-Woche seien es 36.000 gewesen - doch nur wenige Hundert seien getestet worden.

Desinfektion und Amnestie

In der gesamten Grenzregion gilt bereits tagsüber eine Ausgangssperre. In der Provinzhauptstadt Herat sind Arbeiter in Schutzkleidung im Einsatz, die Autos, Motor-Rikschas und andere Fahrzeuge am Straßenrand mit Desinfektionsmittel abspritzen.

Zemarai Noorzai ist Leiter eines solchen Teams. Er erklärt, wie er und seine Kollegen versuchen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen: "Mehrere Stadtteile von Herat werden desinfiziert, und wir sagen den Leuten, dass sie dieses Virus sehr ernst nehmen sollen."

Die afghanische Regierung hat angekündigt, 10.000 Häftlinge freizulassen, um eine Ausbreitung des Coronavirus in den Gefängnissen zu vermeiden. Dies gelte für verurteilte Häftlinge, die älter seien als 55 Jahre oder die Gesundheitsprobleme hätten. Terroristen seien davon ausgenommen.

Ausgangssperre in Afghanistan
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu Delhi
28.03.2020 12:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 28. März 2020 um 07:33 Uhr.

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