New York kämpft gegen das Coronavirus und den wirtschaftlichen Abschwung. | Bildquelle: AP

Corona-Krise in den USA Plötzlich ein bisschen Sozialstaat

Stand: 02.04.2020 20:40 Uhr

In der Corona-Krise kämpfen immer mehr Unternehmen in den USA ums Überleben. Auch die neuesten Daten vom Arbeitsmarkt verheißen nichts Gutes. Doch hinter den hohen Zahlen steckt noch mehr.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Der Golfclub, der den Start in den Frühling verpasst, die winzige Lokalzeitung, der die Anzeigen wegbrechen, all die Veranstalter von Frühjahrs-Viehmärkten und Rodeos, die nun wegen des Coronavirus abgesagt sind: Wer in den USA gerade nicht das Etikett "essential" bekommen hat, der kämpft nun ums Überleben.

"Essential", also sehr wichtig, sind in den meisten Bundesstaaten derzeit nur die, die im Gesundheitswesen arbeiten, den Müll abholen, die Versorgung mit Strom, Wasser, Gas, Lebensmitteln und Geld aufrechterhalten, den Datenfluss sichern, für die öffentliche Ordnung und den Transport von Menschen sorgen - und über alles berichten, Journalisten also. Alle anderen müssen zu Hause bleiben und ihre Geschäfte, Restaurants und Büros schließen.

Zahl der Neuanträge auf Arbeitslosengeld verdoppelt sich

Zwar sind die "Shutdowns" in den Bundesstaaten sehr unterschiedlich. Mississippi, Florida und Pennsylvania etwa haben gerade erst und sehr zögerlich die Regeln für ihre Unternehmen und Bürger verschärft. Doch inzwischen sind 90 Prozent der Amerikaner von solchen "stay-at-home-orders" betroffen, und das ist nun im Department of Labor, dem Arbeitsministerium, angekommen.

Allein vorige Woche haben sich 6,6 Millionen Amerikaner arbeitslos gemeldet, das hat die Behörde noch nie erlebt. Schon die Vorwoche hatte alle Rekorde gebrochen, als bis zum 21. März 3,3 Millionen Menschen einen Antrag stellten. Nun hat sich diese Zahl verdoppelt.

Und das war es noch nicht: Experten erwarten, dass sich bis Ende April bis zu 20 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet haben könnten. Nach Monaten, in denen die USA nahe an der Vollbeschäftigung war, könnte die Arbeitslosenquote dann auf 15 Prozent steigen, deutlich höher als in der schweren Wirtschaftskrise der 1980er-Jahre.

Mehr Sozialleistungen als früher

Wenn sich diesmal mehr Menschen als sonst arbeitslos melden, könnte das aber auch daran liegen, dass mehr Menschen als sonst Leistungen erwarten können. In den Rettungspaketen, die der Kongress beschlossen hat - das bisher letzte hatte ein Volumen von rund 2,2  Billionen Dollar - sind die Leistungen der Arbeitslosenversicherung massiv ausgebaut worden. Nun können sich etwa auch Freiberufler und Selbständige arbeitslos melden, wenn sie durch die Corona-Krise keine Aufträge mehr bekommen.

In einigen Bundesstaaten werden auch diejenigen finanziell unterstützt, die nur noch eine reduzierte Stundenzahl arbeiten können. Die Regierung in Washington legt auf die reguläre Unterstützung für jeden Arbeitslosen zusätzlich wöchentlich noch 600 Dollar drauf. Und, was auch neu ist: Die Arbeitslosen werden nicht gezwungen, sich sofort eine neue Arbeit zu suchen. Im Gegenteil, sie werden ermuntert, zu Hause zu bleiben.

Sozialstaatsregeln auch als Wirtschaftshilfe

Das alles wäre vor wenigen Wochen noch unvorstellbar gewesen. In den USA gilt Arbeitslosigkeit als selbstverschuldeter Makel. Unterstützung zu beantragen, empfinden viele als persönliches Scheitern und Demütigung. Das spiegelt sich auch in der Gestaltung der Arbeitslosenversicherung wider. Kurzarbeitergeld ist hier unbekannt, eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kennen die wenigsten.

Dass der Staat nun so großzügig den Arbeitslosen hilft, hat nicht nur etwas mit Mildtätigkeit zu tun, wie der Titel des jüngsten riesigen Rettungspaket zeigt. Das "Stimulus Package", wie der Kongress es getauft hat, soll auch die Wirtschaft ankurbeln und Zuversicht an der Wall Street verbreiten. Und wenn Menschen ihre Jobs behalten können, ohne zu arbeiten oder auch ohne Job noch ein paar Dollar in der Tasche haben, dann bricht der private Konsum nicht völlig weg.

USA sind im Wahlkampf

Und natürlich muss immer mitgedacht werden, dass im November der Präsident gewählt wird. Donald Trump will im Amt bleiben, in der Krise gewinnt er gerade an Zustimmung. Aber auch die Demokraten wollen ihren Kandidaten durchbringen und engagieren sich nun besonders stark für die amerikanischen Familien.

Wie lange allerdings Trumps Wirtschaftsberater die Füße stillhalten werden, ist nicht abzusehen. Ihr erster Versuch, die Restriktionen zu lockern, scheiterte am Widerstand der Gesundheitsexperten - und an der Realität.

In Arizona übrigens gelten Golf Clubs als "essential". Weil sie offenbar der Grundversorgung der Bevölkerung dienen, dürfen sie weiter offen bleiben, genauso wie Pfandhäuser und Nagelstudios. Stand heute.

Corona-Krise: Die wöchentlichen Arbeitslosenzahlen der USA explodieren
Katrin Brand, ARD Washington
02.04.2020 15:40 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. April 2020 um 22:40 Uhr.

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