Fiebermessen im Slum Dharavi | Bildquelle: AFP

Dharavi Corona unter Kontrolle im größten Slum Asiens

Stand: 04.07.2020 05:03 Uhr

In Dharavi, einem der größten Slums der Welt, gab es im April den ersten Coronafall. Alle warnten davor, dass dieser Ort in Mumbai eine tickende Zeitbombe werden könnte. Doch Ende Juni gab nur noch 270 Neuansteckungen.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Zu viele Menschen auf zu wenig Raum, offene, bestialisch stinkende Abwasserrinnen, zu viel Armut und Hunger, nur wenige haben eine eigene Toilette. Weil im Film die dreckige Seite des Landes zu sehen ist, ist der Streifen "Slumdog Millionär" in Indien gar nicht so gut angekommen wie im Rest der Welt. Aber die Erfolgsgeschichte vom Straßenjungen aus dem Slum Dharavi, der am Ende bei der Show "Wer wird Millionär" abräumt, hat dann doch einige Inderinnen und Inder begeistert. Auf ein Happy End würden die Menschen von Dharavi nun auch in Wirklichkeit hoffen, erzählt uns Krishna Tambave am Telefon. Der 43-Jährige hat wie so viele in der Ausgangssperre seine Existenz verloren. Er hatte einen kleinen Laden mit Lederwaren, den er schließen musste.

Dharavi

Dharavi ist einer der größten Slums der Welt und befindet sich in der indischen Metropole Mumbai. Hier leben geschätzt fast eine Million Menschen auf einer Fläche, die so groß ist wie der Tiergarten in Berlin. Dharavi ist vor allem berühmt geworden, weil dort Aufnahme für den Film "Slumdog Millionär" gemacht wurden, der 2009 mit acht Oskars ausgezeichnet wurde. Darin geht es um eine fiktive Erfolgsgeschichte eines  Straßenkindes.

Als Anfang April der erste Corona-Fall in seinem Viertel bekannt wurde, machte er sich große Sorgen: "Schauen Sie, hier leben manchmal bis zu 15 Wanderarbeiter in einem Raum. Die mussten auch in der Ausgangssperre den Raum mal verlassen, um Essen zu besorgen oder um sich zu waschen in den öffentlichen Waschräumen. Bis zu 1000 Leute teilen sich hier eine Toilette. Anfang Mai durften endlich die ersten Züge starten, da sind viele zurück in ihre Dörfer und so sind auch die Fälle weniger geworden."

Agieren statt reagieren

Sicherlich auch ein Grund, warum die Zahlen der Corona-Infizierten in dem Slum doch nicht derart in die Höhe gegangen  sind, wie viele befürchtet hatten. Aber dies sei nicht der Hauptgrund, sagt Kiran Dighavakar, von der Stadtregierung in Mumbai, der sich um die Organisation in Dharavi kümmert. Sein Erfolgsrezept: Agieren statt reagieren.

"Anfangs lief es ziemlich holprig, aber dann haben wir die Quarantäne-Stationen optimal ausgestattet", sagt Dighavakar. "Die Menschen haben drei Mal am Tag etwas zu essen bekommen. Es war sauber, wir haben Ärzte engagiert, die den Menschen Medikamente gegeben haben. Erst als sich das bei den Leuten hier rumgesprochen hat, sind sie freiwillig und gerne in die Stationen gegangen. Statt die eigene Familie und Nachbarn anzustecken, haben sie erkannt, dass es besser ist, sich selbst einzuweisen."

Corona-Test im Slum Dharavi | Bildquelle: AP
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Im April gab es in Dharavi den ersten Corona-Fall, 1200 waren es im Mai und in der letzten Juniwoche nur noch 270.

Masken und Ärzte

Hilfsorganisationen und die Behörden haben Masken an die Bewohner verteilt. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg waren aber vor allem die Ärzte im Slum. Anfangs mussten auch sie ihre Praxen schließen in der Ausgangssperre.

Dann haben sie die Behörden davon überzeugt, dass sie arbeiten wollen. Denn die Menschen in Dharavi würden ihnen vertrauen, sagt Anil Pachnekar. Seit mehr als 35 Jahren praktiziert der Arzt hier: "Wir sind von Tür zu Tür gegangen, wir waren an jeder Ecke und haben die Leute untersucht. Dann haben wir auch über Lautsprecher immer wieder gesagt, warum die Menschen Masken tragen sollen und dass sie ihre Hände waschen müssen. Glauben Sie mir, das hat sehr geholfen."

Temperatur messen - Sauerstoffgehalt prüfen

Die lokalen Ärzte haben bei Hunderttausenden Menschen die Temperatur gemessen und den Sauerstoffgehalt im Blut. Wer Symptome hatte, wurde aufgefordert, gleich in die Quarantänestationen zu gehen, wo sie sofort auf Corona getestet wurden. Schulen, Hochzeits- und Turnhallen wurden kurzerhand umfunktioniert. Kritische Patienten sind in die umliegenden Krankenhäuser gebracht worden.

Dank dieser Strategie sei es gelungen, die Todesrate niedrig zu halten. 80 Menschen sind an den Folgen des Corona-Virus hier gestorben. Die Behörden haben die Ärzte mit Schutzkleidung ausgestattet. Den Job machen sie allerdings derzeit, ohne dafür Gehalt zu sehen.

Pachnekar schwört auch auf das Medikament Hydroxychloroquine, dass die Mediziner die ganze Zeit zur Vorbeugung eingenommen haben: "Zwei Monate lang haben wir das Medikament benutzt. Keiner unserer Helfer, die das regelmäßig genommen haben, hat sich in der Zeit mit Corona angesteckt." Anfangs hatten die Behörden noch überlegt, jeden Einwohner im Slum mit dem Medikament zu versorgen. Aber die Nebenwirkungen seien zu groß, gerade für ältere Menschen und für diejenigen, die an Herzproblemen leiden.

Die Angst ist weiter da

Nach 90 Tagen "Corona-Krieg", wie eine Zeitung in Mumbai titelt, fahren die Behörden ihr Engagement jetzt langsam zurück. Angst vor dem Virus haben die Menschen im Slum aber bis heute noch.

Der Lederwarenhändler Krishna Tambave hatte sich auch mit dem Virus infiziert. Sein Gesundheitszustand hat sich zwischenzeitlich so verschlechtert, dass er in eine Klinik musste. Heute ist er gesund. Die Leute aus seinem Viertel aber würden das anders sehen, sagt er: "Als ich zurückgekommen bin aus der Klinik, sind meine Nachbarn vor mir weggerannt. Sie schauen mich an, als käme ich von einem anderen Planeten, als hätte ich mich jetzt komplett verwandelt. Das ist ehrlich gesagt gerade mein größtes Problem."

Dharavi - Vorbild für andere Armenviertel

Trotzdem gilt der Kampf gegen das Virus in Dharavi als Erfolgsmodell in Indien. In der Hauptstadt Neu-Delhi wollen die Behörden in den Armenvierteln nun ähnlich vorgehen. Fälle aufspüren, nachverfolgen, testen und behandeln. Auf die Menschen zugehen, statt die Armen zu stigmatisieren, darauf wollen nun auch anderen Städte im Land setzen.

Die Zahl der Corona-Infizierten steigt in Indien noch stark an: Mehr als 620.000 Menschen haben sich angesteckt und täglich kommen derzeit mehr als 20.000 Infizierte dazu.

Der größte Slum in Indien gilt als Erfolgsmodell im Kampf gegen Corona
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
04.07.2020 06:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Juli 2020 um 07:50 Uhr.

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