Eine Frau läuft an einem Corona-Testpavillon vor einer Apotheke in Paris vorbei (Archivbild). | Bildquelle: AP

Langsames Impfen in Frankreich "Einen strategischen Fehler gemacht"

Stand: 04.01.2021 18:38 Uhr

Frankreich hatte die zweite Corona-Welle gut in den Griff bekommen. Doch nun stockt die Impfkampagne, erst ein paar Hundert Menschen sind immunisiert worden. In der Heimat von Louis Pasteur hagelt es Kritik.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Marnes-la-Coquette ist eine beschauliche Gemeinde im Westen von Paris. Fast überall in diesem kleinen Ort mit kaum 2000 Einwohnern begegnet man einem großen Namen: Louis Pasteur. An den Chemiker und Mikrobiologen erinnert eine Tafel am Rathaus. "Dem Wohltäter der Menschheit gewidmet, der hier am 28. September 1895 starb", steht darauf geschrieben.

In der Kirche nebenan fällt Licht aus einem Buntglasfenster auf eine große Gedenkplatte: Als gelehrter Christ habe Pasteur - so wörtlich - Mittel gegen Krankheiten des Weines, der Seidenraupen, aber auch gegen Tollwut und Infektionskrankheiten beim Menschen gefunden.

An das erste gegen Tollwut geimpfte Kind erinnert keine 100 Meter weiter ein weiteres Denkmal. Pasteurs Büste steht auf einem Obelisken - eine Bronzefigur kniet auf einem toten Hund und streckt ihre Arme zu ihm hoch.

Eine Familie betrachtet ein Denkmal in Paris | Bildquelle: Stefanie Markert
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Die Büste des Chemikers und Mikrobiologen Louis Pasteur in Marnes-la-Coquette

"Keiner sagt uns: Gehen Sie impfen!"

Genau hier geht Marie-Eve gerade mit ihrem Mann spazieren. Was sie von der französischen Impfkampagne gegen Corona hält? "Impfkampagne? Die gibt es doch gar nicht. Keiner sagt uns: gehen Sie impfen!", sagt sie. "Ich bin bereit, mich impfen zu lassen, sobald das möglich ist." Sie breitet ihre Arme aus, als wolle sie auch den Impfstoff mit offenen Armen empfangen.

Doch Marie-Eve gehört zu einer Minderheit. Denn bis zu 58 Prozent der Menschen in Frankreich stehen der Impfung Umfragen zufolge kritisch gegenüber - und das im Lande Pasteurs, der den Impfgedanken zu einem allgemeinen Prinzip erhob und seinen ersten Impfstoff gegen Geflügel-Cholera aus abgeschwächten Lebend-Erregern entwickelte.

An einem Gebäude in Paris hängt eine Flagge auf Halbmast | Bildquelle: Stefanie Markert
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Das Rathaus von Marnes-la-Coquette: "Dem Wohltäter der Menschheit gewidmet, der hier am 28. September 1895 starb", steht auf der Tafel in Gedenken an Louis Pasteur.

300 Corona-Impfungen pro Woche

Jean Claude, ganz in Sportkleidung, läuft gerade über den Rathausplatz und meint: "Wir Franzosen sind nicht so sehr fürs Impfen." Vielleicht würden die Leute noch vernünftig, meint er, aber die Franzosen meckerten eben gern. Und wer es nicht tue, sei ein Spielverderber. "Das gehört zur Freiheit. Die Deutschen sagen manchmal, wir wären Absurdistan. Ja, wir akzeptieren das."

Ein renommierter französischer Medizinprofessor konstatierte kürzlich: Wenn weiterhin nur 300 Franzosen pro Woche geimpft würden, dann sei man noch in 5000 Jahren dabei.

Zwar meldet die Regierung, jede Woche würden 500.000 Impfstoff-Dosen eintreffen. Doch sie werden nicht verbraucht. Regierungsintern wird bereits vor dem Verlust von 30 Prozent der Dosen gewarnt, berichten französische Medien. Denn es geht bürokratisch zu.

"Jeder Franzose, der es möchte, muss sich impfen lassen können"

"Die französische Regierung wollte kein Schlangestehen für die Impfung. Bei uns musst Du erst zum Hausarzt, dann einige Tage Bedenkzeit, dann Impfen. Das dauert sehr lange", sagt Jean-Claude, der Mann mit der Sportkleidung, in Marnes-La-Coquette.

Und so hat Frankreich erst Hunderte geimpft, während es in Deutschland weit über 200.000 sind. Das treibt auch Präsident Emmanuel Macron um. Die Sonntagszeitung JDD veröffentlichte private Äußerungen, wonach Macron gesagt haben soll, man komme beim Impfen im Tempo eines Familienspaziergangs voran, während er selbst morgens, mittags und abends mit dem Virus im Krieg stehe.

In seiner Neujahrsansprache erklärte der französische Präsident: "Ich lasse niemanden mit der Sicherheit und den guten Standards spielen, mit denen die Impfungen durchgeführt werden sollen." Aber er lasse auch nicht länger aus schlechten Gründen eine unberechtigte Langsamkeit zu. "Jeder Franzose, der es möchte, muss sich impfen lassen können. Sicher und in der richtigen Reihenfolge", so Macron. Allen voran stünden die Bewohner in Altersheimen.

Risikogruppen und medizinisches Personal zuerst impfen

Dominique Le Guludec, die Chefin der Obersten Gesundheitsbehörde Frankreichs, rechtfertigte ihren Impfplan im Programm des Senders BFM TV: "Unser Hauptziel ist es, die Todeszahlen zu senken. Neun von zehn Toten sind älter als 65. Und ein Drittel davon lebt in Altersheimen, obwohl deren Bewohner nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachen", sagte sie. "Deshalb müssen wir diese Risikogruppe zuerst impfen."

In Marnes-la-Coquette, einen guten Kilometer vom Rathaus entfernt, wo einst das Pasteur-Institut Labore betrieb, liegt das Lehrkrankenhaus der Universität Versailles. Hier ist Djillali Annane Chef der Intensivmedizin. Er wettert: "Wir haben einen strategischen Fehler gemacht und kriegen ihn nicht korrigiert." Allein das Impf-Einverständnis im Pflegeheim zu bekommen, sei komplex. "Wir müssen vielmehr das medizinische Personal schneller impfen und alle Freiwilligen", sagt der Intensivmediziner. "Unser Personal wird nun vorgezogen, muss aber über 50 sein. Was für eine Dummheit! Da hat auf meiner Intensivstation nicht mal einer von fünf Mitarbeitern Zugang zur Impfung. Wo ist die Logik?"

Bürgermeister fordern Impfzentren nach deutschem Vorbild

Schon fordern Bürgermeister Impfzentren wie in Deutschland. Die sollen erst bis Anfang Februar kommen. Die Lokalpolitiker wollen aber sofort Turnhallen umfunktionieren und selbst Impfstoff beschaffen. In wenigen Tagen wird ein Komitee aus 30 per Los bestimmten Bürgern beginnen, der Regierung auf die Finger zu schauen.

Liest man Pasteurs Gedenktafel in der Kirche zu Ende, findet man sein Zitat: "Nähert man sich einem großen Ziel, sollte man das Recht haben zu sagen: Ich habe getan, was ich konnte." Viele Franzosen bezweifeln, dass ihre Impfverantwortlichen das von sich sagen können.

Es gibt keine Impfkampagne!" - Die Langsamkeit des Impfens im Land von Pasteur
Sefanie Markert, ARD Genf
04.01.2021 17:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Januar 2021 um 18:10 Uhr.

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Stefanie Markert, MDR

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