Marwan Al-Ghafory | Bildquelle: J. Stryjak/WDR

Pandemie im Bürgerkriegsland Jemens Corona-Experte aus Essen

Stand: 23.07.2020 10:53 Uhr

Marwan Al-Ghafory ist kein Virologe, aber die womöglich wichtigste Corona-Informationsquelle im Jemen. Über die kostenlose App "Tabiby" erreicht der Kardiologe aus Essen zehntausende Menschen.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo, z. Zt. Berlin

Seit Wochen herrscht auf dem Friedhof der Stadt Taizz Hochbetrieb. In langen Reihen werden Gräber ausgehoben. Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise hätten so viele Begräbnisse stattgefunden, dass die Arbeiter mit dem Schaufeln der Gräber gar nicht mehr hinterhergekommen wären, erklärte ein Vertreter der Stadtverwaltung.

Seit kurzem scheint die Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle leicht zurückzugehen, aber für den Kardiologen Marwan Al-Ghafory ist das längst noch kein Grund zum Aufatmen. "Es sieht so aus, als ob die erste Welle sich allmählich abgeschwächt hat. Allerdings steht eine zweite Welle bereits vor der Tür."

Pandemie verharmlost

Seit Jahren herrscht Krieg im Jemen. Die Corona-Pandemie wird von den Konfliktparteien entweder verharmlost, oder sie bezeichnen sie als Propagandaschwindel, der die Moral ihrer Kämpfer schwächen soll. Die Menschen im Jemen haben kaum verlässliche Informationsquellen.

Marwan Al-Ghafory will das ändern. "Ich schreibe jeden Tag Artikel und übersetze fachmedizinische Studien. Mein Team und ich posten täglich zwischen sieben und zehn Artikel. Wir nahmen uns der Aufgabe an, unser vergessenes Volk über Covid-19 aufzuklären."

Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Schutzkleidung desinfiziert eine Straße in der Altstadt von Sanaa. | Bildquelle: dpa
galerie

"Zweite Welle steht vor der Tür": Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens desinfiziert eine Straße in Jemens Hauptstadt Sanaa.

Kostenlose Erklärungen per App

Der deutsch-jemenitische Arzt tut dies von Deutschland aus. Seit 2011 lebt Al-Ghafory in Essen und arbeitet dort in einem katholischen Krankenhaus. Der 39-Jährige ist kein Virologe, aber als Mediziner kann er den Menschen im Jemen die neuesten Corona-Erkenntnisse fachlich korrekt und verständlich erläutern.

Hunderttausende folgen ihm auf Facebook und Twitter, täglich stellen sie ihm Fragen. Der Arzt beantwortet sie online, manchmal auch in Zeitungen oder im Programm arabischer Fernsehsender - und über eine kostenlose Smartphone-App, die er selber entwickelt hat. Sie heißt "Tabiby", auf Deutsch "Mein Arzt".

"Menschen erreichen, die keinen Arzt finden können"

"Mit unserer App möchten wir die Menschen erreichen, die keinen Arzt finden können. Ebenfalls möchten wir da sein für die Leute, die kein Geld haben, um die Gebühren für medizinische Kontrollen zu bezahlen", erklärt Al-Ghafory. Die App gibt es bereits seit 2019. Im vergangenen März hat sie auch einen speziellen Corona-Bereich bekommen. "Die App verfügt über 33 Fachabteilungen mit 440 Ärzten. Bis jetzt haben wir circa 32.000 Fälle bearbeitet."

Ein Arzt misst den Blutdruck eines Mannes. | Bildquelle: dpa
galerie

Blutdruckmessung bei einem Mann in Sanaa. Viele Jemeniten können sich keinen Arztbesuch leisten.

Al-Ghafory und die anderen Ärzte engagieren sich ehrenamtlich. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen lebt im Ausland, die anderen befinden sich im Jemen. Deshalb können Al-Ghafory und seine Mitstreiter nicht nur beraten, manchmal können sie sogar medizinische Hilfe vor Ort vermitteln.

Zum Beratungsteam der App gehören außerdem Pharmakologen und Krankenpfleger. Viele Jemeniten leben in Gebieten, in denen es weit und breit keine Klinik gibt. Sie möchten wissen, wie sie sich im Krankheitsfall selbst helfen können. 

Mehr Corona-Fälle als offiziell gemeldet

Von Marwan al-Ghafory erfahren die Menschen im Jemen aber vor allem, wie ernst die Lage ist. Offiziellen Angaben zufolge gibt es rund 1600 bekannte Corona-Infektionsfälle im Land, knapp 600 Menschen starben.  

"Aber die Infos, die unser Team herausfand, die Statistiken, die wir selber gesammelt und analysiert haben, sagen uns etwas anderes. Wir liegen bei mehr als 100.000 Fällen, mit einer Sterberate von über 20 Prozent." 

Der jemenitische Christian Drosten
Jürgen Stryjak, ARD Kairo
23.07.2020 09:31 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juli 2020 um 05:49 Uhr.

Korrespondent

Jürgen Stryjak Logo SWR

Jürgen Stryjak, SWR

Darstellung: