Ein Schild am Strand von Del Mar, Kalifornien, weist auf die Maskenpflicht im US-Bundesstaat hin | Bildquelle: REUTERS

Erneuter Lockdown Corona-Rolle rückwärts in Kalifornien

Stand: 18.07.2020 08:52 Uhr

Zu, auf und wieder zu: Die Corona-Zahlen in Kalifornien geben Anlass zur Sorge, daher verschärft die Politik hier wieder die Maßnahmen. Mittlerweile werden die Testkits knapp, die Kliniken sind am Limit.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

Es ist ein sonniger Nachmittag in Santa Monica. Unweit des berühmten Piers und des Riesenrads schlendern Menschen auf einer eher ruhigen Einkaufsstraße auf und ab. Es sieht anders aus als sonst - und nicht nur, weil fast alle Passanten Masken tragen. Restaurants und Cafés haben ihre Stühle und Tische auf die Straße gestellt. Dort, wo sonst Autos parken, sind plötzlich Außenbereiche entstanden. Notwendigerweise. Denn drinnen dürfen die Restaurants in dem Bundesstaat nichts mehr servieren, seitdem Kalifornien erneut in den Lockdown gegangen ist.

Manch einer mag diese neue gewonnen Straßenkultur schön finden. Barbra und Sylvie schmeckt das alles nicht. Die beiden, die eigentlich anders heißen und anonym bleiben wollen, regen sich über die Wiedereinführung der strengen Pandemie-Regeln auf: "Ich bin total frustriert." Sie wisse zwar, dass die Fallzahlen nach oben gehen, aber es sei noch so wenig über das Virus bekannt. "Ich denke, es ist kaum vermeidbar, dass viele Menschen daran erkranken werden, deswegen finde ich all das so unnötig. Wir werden damit leben müssen, dass wir alle Covid-19 bekommen werden."

Barbra hat beim Sprechen ihr grünes Bandanatuch vor den Mund gezogen. In Kalifornien gilt seit einigen Wochen eine Maskenpflicht für alle. In Städten wie Santa Monica droht sogar eine saftige Geldstrafe, wenn man keine trägt. Barbra ist skeptisch, was die Maskenpflicht angeht, sie fühlt sich damit in ihrer Freiheit eingeschränkt: "Diese Pflicht ist doch Blödsinn. Es ist noch nicht mal bewiesen, ob es wirklich hilft oder mehr Schaden anrichtet."

Menschen sitzen im Außenbereich eines Restaurants in Los Angeles, Kalifornien. | Bildquelle: AFP
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In Kalifornien dürfen Restaurants nach jüngsten Corona-Beschränkungen nur noch im Außenbereich servieren.

 Maskenpflicht wird nicht kontrolliert

Nur ein paar Meter entfernt, am Strand, sind schon weniger Menschen mit Mundschutz unterwegs, dabei sind Masken eigentlich auch hier vorgeschrieben. Doch kontrolliert wird das nicht, sagt Sun: "Es gibt Polizei auf Pferden hier, aber sie machen nichts - nicht nach den Protesten. Sie können nichts tun, das geht gegen unsere Grundrechte. Ich will nicht zu viel sagen, ich trage ja selbst eine Maske. Aber die Polizei kann uns nicht zwingen."

Die Maske ist in der Corona-Krise zum Politikum geworden, auch in Kalifornien. Gouverneur Gavin Newsom drängt in den Sozialen Medien jeden Tag aufs Neue darauf, einen Mund-Nase-Schutz anzulegen. Nur so könne man die Kurve wieder abflachen, so das Mantra.

Mehr Tests, mehr Menschen in Krankenhäusern

Zuerst war der bevölkerungsreichste Bundesstaat scheinbar gut durch die Pandemie gekommen. Im Mai hatte man langsam begonnen, die Beschränkungen zu lockern - Geschäfte durften wieder aufmachen. Doch die Zahl der Neuinfektionen nimmt nun im Juli rapide zu. Fast 370.000 bestätigte Fälle gibt es insgesamt, zum Teil kommen am Tag um die 10.000 Fälle neu hinzu.

Grund dafür dürften auch die gestiegenen Tests sein. Mehr als 120.000 Tests werden mittlerweile am Tag durchgeführt, viele in so genannten Drive-Through-Zentren. Doch schon jetzt werden die Testkits knapp, die Zulieferer kommen dem gestiegenen Bedürfnis kaum hinterher.

Nicht nur mehr Fallzahlen insgesamt - auch die Belegung der Krankenhausbetten hat zugenommen. In den Landkreisen Orange und Riverside verdreifachte sich fast die Zahl der Krankenhauspatienten mit bestätigten Coronavirus-Infektion in den vergangenen zwei Monaten. Im Großraum Los Angeles stiegen die Krankenhausaufenthalte um 29 Prozent.

Parties als Corona-Schleudern

Seit Montag gelten deswegen die neuen Regeln: Die Innenbereiche der Restaurants werden geschlossen, ebenfalls Bars, Zoos, Museen. In Bezirken mit besonders vielen Fällen mussten Kirchen, Friseursalons und Einkaufszentren wieder zumachen.

Warum es zu so vielen neuen Coronavirusfällen kommt? Experten sagen, dass es vor allem das private Verhalten sei. "Die Tracer, die untersuchen, wo sich Menschen angesteckt haben, konnten dies auf Geburtstags- und Grillparties zurückführen", sagt der Journalist und Arzt Alok Patel im TV-Sender ABC 7. "Es ist wohl beides, die Öffnung der Wirtschaft und Menschen, die die Sicherheitsregeln weniger beachten."

Im Netz finden sich zahlreiche Videos von Partys - vor allem jüngere Leute scheinen sorgloser mit der Ansteckungsgefahr umzugehen und feiern ausgelassen. In den Nachrichten ist immer mal wieder von "Corona-Partys" die Rede, bei denen sich wissentlich Leute anstecken lassen. Sollten sich die Fälle nicht wieder auf ein niedrigeres Niveau bringen lassen, drohen möglicherweise noch härtere Konsequenzen, mehr Schließungen, vielleicht sogar der Strände - so wie zu Beginn der Pandemie.

Und schon jetzt ist klar: Der Schulunterricht, der ab Herbst wieder startet, wird anders aussehen. Viele Schulbezirke setzen wieder auf Online-Unterricht. Und dort, wo der Unterricht vor Ort erlaubt wird, seien Masken ebenfalls Pflicht, gab Gouverneur Newsom bekannt.

"Sie werden uns ausrauben"

Zurück nach Santa Monica zu Barbra und Sylvie. Sylvie, die im Gegensatz zu ihrer Freundin eine Maske trägt, sagt, sie wähle demokratisch, sei kein Trump-Anhänger. Doch was "ihre" Partei mache, finde sie auch nicht gut: "Sie machen Trump für alles verantwortlich. Das ist doch heuchlerisch."

Sie mache sich vor allem Sorgen um die Wirtschaft, darum, wie es in den kommenden Monaten in Kalifornien weitergehen soll: "Ich denke an diejenigen, die sich um ihre Familien kümmern müssen, aber nicht arbeiten können. Die Politik hat versprochen, sich um die Obdachlosen zu kümmern, nichts ist passiert. Sie werden uns ausrauben."

Egal, wo die Kalifornier politisch stehen mögen, eines ist klar: Die Pandemie hat die Gräben zwischen den verschiedenen Gruppen verschärft, darüber täuscht auch ein sonniger Nachmittag unter Palmen nicht hinweg.

Mit Maske und Sonnencreme? Der Lockdown in Kalifornien
Katharina Wilhelm, ARD Los Angeles
18.07.2020 07:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. Juli 2020 um 07:50 Uhr.

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