Tijuana: Arbeiter in Schutzanzüge schaufeln Erde bei einer Beerdigung im Rahmen der Covid-19-Pandemie. | Bildquelle: dpa

Umgang mit der Pandemie Mexikos schwierige Corona-Mission

Stand: 31.08.2020 07:48 Uhr

Mit mehr als 62.000 Corona-Toten ist Mexiko eines der von der Pandemie besonders hart getroffenen Länder. Über Leichtsinn in der Bevölkerung, einen abergläubischen Präsidenten und deutsche Helfer.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Gesundheitsmitarbeiter gehen von Tür zu Tür. Sie klären auf, verteilen Hilfspakte an Menschen in Mexiko-Stadt, die an Covid-19 erkrankt sind. Ausgerüstet mit Schutzmasken besuchen sie insbesondere die ärmeren Viertel. Die haben sich zu Corona-Hotspots entwickelt.

Viele Mexikaner nehmen die Krankheit nicht ernst

Octavio Cortez nimmt den braunen Karton dankbar entgegen. Er bekommt eine Geldkarte, Medikamente und einen kleinen Vorrat an Lebensmitteln: Cornflakes, Amaranth und Nudeln. Er sieht müde aus. Covid-19 hat ihn geschwächt. Angesteckt hat er sich bei einem Familientreffen. "Ich habe es nicht so ernst genommen. Ich dachte, ich stecke mich nicht an", sagt er. "Es gibt viele, die nicht glauben, dass es das Virus überhaupt gibt, bis es sie selbst trifft."

Mexiko gehört zu den weltweit von der Corona-Krise am besonders hart getroffenen Ländern. Immer wieder gerieten die Krankenhäuser an ihr Limit. In der vergangenen Woche waren Experten der Berliner Charité in Mexiko-Stadt zu Besuch. Die Gruppe war bereits im afrikanischen Benin, in Kolumbien und Ecuador im Einsatz. 100.000 Tests zur Covid-19-Diagnostik hatte die Expertengruppe für die Mexikaner im Gepäck. 

Medizinisches Personal entsorgt Abfälle von Covid-Patienten in Mexiko | Bildquelle: dpa
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Medizinisches Personal entsorgt Abfälle von Covid-Patienten in Mexiko

Zum Team gehört auch Nils Gade. Der Gesundheitsökonom leitet das Projekt "Pandemiedialog", das die Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher und politischer Ebene zwischen Deutschland und Lateinamerika stärken soll. Die Dunkelziffer der Corona-Infektionen sei groß, so Gade:

"Wir haben sehr hohe Todeszahlen. Offiziell liegen die jetzt bei 60.000, aber was man sogar vom Gesundheitsministerium hört ist, dass die Zahl der an oder durch Covid-19 Verstorbenen wohl drei Mal so hoch liegt - also irgendwo zwischen 150.000 und 200.000."

Menschen seien entweder direkt durch die Infektion oder deswegen gestorben, weil einfach nicht genug Krankenhauspersonal zur Verfügung stehe, berichtet Gade. "Was wir jetzt allerdings sehen, ist ein Ausbau der Krankenbetten und eine sukzessive Erhöhung der Testkapazitäten." Dinge, die nach seiner Meinung auch schon vorher hätten erfolgen können.

Andres Manuel Lopez Obrador | Bildquelle: SASHENKA GUTIERREZ/EPA-EFE/Shutt
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Präsident López Obrador hat die Krise zu Beginn nicht ernst genug genommen.

"Präsident hat die Pandemie eher bagatellisiert"

Zehn Tage tauschte sich das deutsche Expertenteam mit den mexikanischen Kollegen aus, besuchte Krankenhäuser und traf auch politische Akteure aus dem Gesundheitsministerium. Die mexikanische Regierung habe sehr früh auf das Coronavirus reagiert, sagt Gade - bereits Ende März habe das Land mit dem Lockdown begonnen, als die Infektionszahlen noch sehr niedrig waren. Er übt allerdings auch vorsichtig Kritik an Andrés Manuel López Obrador.

"Der Präsident hat die Pandemie eher bagatellisiert, um Optimismus zu verbreiten. Es hätte geholfen, wenn er hier eindeutigere Signale abgegeben hätte."

Krude Thesen vom Präsidenten

Selten ist López Obrador mit Mundschutz zu sehen. Zuletzt erklärte er lapidar, wenn es keine Korruption im Land mehr gebe, dann würde auch er einen Mundschutz tragen. Zu Beginn der Pandemie hatte er behauptet, dass seine Ehrlichkeit und seine Amulette, die er von seinen Anhängern geschenkt bekommen habe, ihn schützen würden.

Mittlerweile öffnet sich das Land sukzessive wieder. Der wirtschaftliche Druck ist groß. Mehr als die Hälfte der Mexikaner lebt von der Arbeit im informellen Sektor. Sie verkaufen Obst, Süßigkeiten und Handarbeiten auf der Straße. Sie können es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben.

Etwa eine Million Jobs sind während der Pandemie bereits verloren gegangen. Die größte Krise stehe dem Land aber noch bevor, sagt die Landesdirektorin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Mexiko, Marita Brömmelmeier, die die Experten aus Deutschland in Mexiko unterstützt hat.

Demonstranten fordern den Rücktritt des Präsidenten in Mexiko-Stadt | Bildquelle: JOSE PAZOS FABIAN/EPA-EFE/Shutte
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Viele Mexikaner fordern den Rücktritt des Präsidenten. So wie auf dieser Kundgebung in Mexiko-Stadt.

"Belastungsprobe für die Bevölkerung"

"Was Mexiko am stärksten treffen und beuteln wird, sind die sozialen und ökonomischen Auswirkungen dieser Pandemie", glaubt sie. Der wirtschaftliche Einbruch sei bereits jetzt verheerend. "Hier gibt es natürlich kein umfassendes Sozialsystem oder Kurzarbeitergeld und das ist eine ganz hohe Belastungsprobe für die Bevölkerung hier in Mexiko." Für Wirtschaftsförderung nach deutschem Vorbild fehlt in Mexiko das Geld.

Corona-Expertengruppe der Berliner Charité in Mexiko
Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt
31.08.2020 07:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. August 2020 um 05:23 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

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