Pendler laufen über die London Bridge. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Krise in Großbritannien Freiheit versus Disziplin

Stand: 30.09.2020 15:00 Uhr

Dass Corona-Regeln im Königreich weniger befolgt werden als auf dem Kontinent, erklärt Boris Johnson mit der Freiheitsliebe der Briten. Möglicherweise sind jedoch die wirren Botschaften der Regierung mitverantwortlich.

Von Christoph Heinzle, ARD-Studio London

Nein, es ist nicht gut, wenn eine Staatssekretärin der Regierung ihrer Majestät im BBC-Interview grundlegende Corona-Regeln nicht erklären kann wie Gillian Keegan. 

Und es ist noch schlechter, wenn ein britischer Premierminister wie Boris Johnson wenig später auf einer Pressekonferenz die "Rule of Six" schlicht falsch erklärt. Danach dürfen sich maximal sechs Personen drinnen wie draußen treffen. Oder draußen doch nicht? Johnson rudert. 

Später entschuldigt sich Johnson für seinen Fehler, da war er aber längst Ziel von Hohn und Spott.

Die Regierung ist zur Lachnummer geworden

Die Lage ist ernst, Johnson und seine Regierung sind aber längst zur Lachnummer geworden. Und zum Ziel massiver Kritik aus der eigenen Partei. So nannte der konservative Lord Robathan die Corona-Politik der Regierung im Oberhaus "inkonsequent, zusammenhanglos, verwirrend und völlig unverhältnismäßig".

Und Steve Baker, einer der konservativen Wortführer im Unterhaus, rechnet vor, dass es in den vergangenen Monaten 250 Vorschriften und 200 Änderungen gegeben habe. Bei der Masse und dem Tempo wisse keiner mehr, ob er ein Krimineller sei oder nicht.

Auf Druck seiner Tories wird Johnson dem Parlament mehr Mitsprachemöglichkeiten in der Corona-Politik einräumen - um größeren Unmut zu verhindern.

"Unser Land ist ein freiheitsliebendes Land"

Doch der Premier machte jüngst auch klar, dass es ja an der Bevölkerung liege, wenn Regeln weniger eingehalten würden als etwa in Deutschland und Italien. Es gebe da einen wichtigen Unterschied: "Unser Land ist ein freiheitsliebendes Land! Es ist sehr schwierig, die britische Bevölkerung darum zu bitten, die Richtlinien einheitlich im nötigen Umfang zu befolgen", so Johnson.

Germ Janmaat widerspricht. Der holländische Sozialwissenschaftler lehrt am University College London und forscht zu britischen Werten. Laut Studien, sagt er, stehen Rechtmäßigkeit und Gesetzestreue hier in Großbritannien höher im Kurs als in vielen anderen Ländern: "Regeln werden in hohem Maße befolgt, wenn sie als gerecht und sinnvoll angesehen werden. Und als gut für das Gemeinwohl, das den Briten wichtig ist. Wenn die Regeln aber unsinnig sind und zu drakonisch, dann ist es weniger wahrscheinlich, dass sie befolgt werden", erklärt Janmaat.

Seine Empfehlung im ARD-Interview: die Bevölkerung überzeugen, nicht mit Strafen drohen. Und keinen zweiten Lockdown wie im Frühjahr verhängen. Der wäre wohl kaum durchzusetzen.

Freiheitsdrang vs. Disziplin - Corona-Regeln in Großbritannien
Christoph Heinzle, ARD London
30.09.2020 13:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 30. September 2020 um 13:23 Uhr.

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