Menschen in einer belebten Straße in Stockholm | Bildquelle: AFP

Umgang mit Coronavirus Schweden hadern mit dem Sonderweg

Stand: 05.06.2020 08:12 Uhr

Lange schienen Bevölkerung und Opposition mit der laxen Corona-Politik der schwedischen Regierung weitgehend einverstanden zu sein. Das ändert sich nun. Auch der Chef-Epidemiologe übt Selbstkritik.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Erst blieb es friedlich. Aber dann wurde es lauter und am Ende versuchte die Polizei sogar mit Pfefferspray, die Menge aufzulösen. "Eine Bombe, die in drei Wochen explodieren könne", so hat ein schwedischer Facharzt für Infektionskrankheiten diese Demonstration in Stockholm genannt.

Hunderte meist junge Leute waren am Mittwoch auf die Straße gegangen, um nach dem gewaltsamen Tod des Amerikaners George Floyd gegen Rassismus zu protestieren. Das an sich war nicht strittig, wohl aber die Tatsache, dass gegen das Verbot von Versammlungen mit mehr als 50 Teilnehmern verstoßen wurde. Das kam bei vielen Corona-besorgten Schweden nicht besonders gut an.

Menschen halten bei einer Demonstration gegen Rassismus in Stockholm Schilder in die Luft. | Bildquelle: dpa
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Auch in Stockholm gab es eine Demonstration gegen Rassismus - mit weit mehr als 50 Teilnehmern.

Umfrage zeigt Verlust an Zustimmung

Denn die Stimmung scheint zu kippen. Der öffentliche Sender SVT präsentierte eine neue Umfrage: "Das Vertrauen in die Regierung und die Gesundheitsbehörde ist eingebrochen. Der Anteil derer mit großem oder relativ großem Vertrauen in die Corona-Maßnahmen ist um rund 20 Prozent gesunken. Gründe dafür könnten die hohe Zahl von Toten vor allem unter Älteren sein sowie mangelnde Information über den Verbreitungsgrad von Corona."

Noch im April hatten sich 63 Prozent der Befragten klar hinter den eher entspannten "schwedischen Weg" mit wenig Verboten und nur einigen Empfehlungen gestellt, aktuell sind es laut SVT nur noch 45 Prozent. Auch das Vertrauen in den Zivilschutz und die Gesundheitsbehörde ist deutlich zurückgegangen.

"Es gibt sicher Verbesserungspotenzial"

Hat Anders Tegnell, der Staatsepidemiologe, vielleicht doch nicht alles richtig gemacht? Er selbst übte in einem Radiointerview erstmals so etwas wie Selbstkritik: "Es gibt sicher Verbesserungspotenzial. Es wäre gut, wenn man genauer wüsste, was man noch hätte schließen sollen, um die Ausbreitung effektiver zu verhindern." Kitas und Grundschulen bis zur neunten Klasse schließen vielleicht, oder Restaurants und Geschäfte? Sie waren die ganze Zeit über offen.

Der Staatsepidemiologe Anders Tegnell von der schwedischen Gesundheitsbehörde | Bildquelle: AFP
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Epidemiologe Tegnell sprach von Verbesserungspotenzial der Corona-Politik.

Zudem gab und gibt es nur wenige Testmöglichkeiten. Medizinprofessorin Harriet Wallberg sollte das als neue Testkoordinatorin der Regierung eigentlich ändern. Doch sie gab ihren Job nach nur drei Wochen wieder auf. Freiwillig oder frustriert vom Apparat? Das ist unklar. Im Sender TV4 warnte sie: "Wir liegen immer noch auf hohem Niveau,  was Infizierte und Tote angeht. Die Zahlen müssen runter. Dazu müssen wir breit testen, und zwar alle mit Symptomen. Außerdem müssen alle Positiven isoliert und  Ansteckungsketten ermittelt werden."

Regierung steht unter Druck

Auch die bisher zahme Opposition kritisiert inzwischen die rot-grüne Minderheitsregierung. Sie fordert unter anderem mehr Tests, die fix versprochen wurden.

Ministerpräsident Stefan Löfven steht unter Druck, und er versucht es mit Schadensbegrenzung. Unter anderem mit der Aufhebung der Reisebeschränkungen für Schweden im eigenen Land. Ab Mittwoch kommender Woche fällt die Zwei-Autostunden-Regel, aber nur für Gesunde - wie immer man das sicher wissen soll.

Löfven versprach für den Sommer eine Untersuchungskommission, die den schwedischen Coronaweg kritisch unter die Lupe nehmen soll. Das klingt alles gut. Aber Schweden macht im Sommer nahezu geschlossen Ferien und steht dann zehn Wochen lang praktisch still. Ob Testen oder Untersuchen, es stellt sich die Frage: Wenn die meisten weg sind, wer soll es dann machen?

Corona: Stimmungsumschwung in Schweden?
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
05.06.2020 07:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Juni 2020 um 09:20 Uhr.

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