Zwei Frauen mit Gesichtsmasken gehen an der Werbeanzeige einer Klinik vorbei. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Pandemie in Spanien "Ausgangssperre light" in Madrid

Stand: 19.09.2020 10:04 Uhr

Spanien kommt in der Corona-Pandemie nicht zur Ruhe. Die Infektionszahlen steigen und wieder ist Madrid die Region, die am stärksten betroffen ist. Nun verschärft die Regionalregierung erneut die Maßnahmen.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Die Regierung von Madrid hat es sich nicht leicht gemacht. Eigentlich wollte Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso schon gestern Vormittag vor die Presse treten, dann wurde der Termin auf den Mittag verschoben und schließlich auf den frühen Abend - wegen der "juristischen Komplexität" des Themas, wie es hieß. Viele hatten erwartet, dass die Regierungschefin strenge Ausgangssperren für die Bereiche Madrids mit besonders hohen Infektionszahlen verkündet. Doch es wurde eine Art "Ausgangssperre light", denn nicht die gesamte Stadt, sondern nur Stadtteile werden abgesperrt. "Wir sperren diese Bereiche ab. Verlassen dürfen sie nur Menschen, die zur Arbeit müssen, zum Arzt, zur Schule, sich um ältere Menschen kümmern oder wegen höherer Gewalt", erklärte Ayuso dann nach den Beratungen.

Schnelle Besserung, "wenn sich alle an die Regeln halten"

Die Bewohner dürfen also ihre Wohnungen verlassen, nur eben nicht ihren Stadtteil. Die Polizei soll die Zugangsstraßen überwachen. Betroffen sind gut 850.000 Menschen, die in sechs Bezirken im Süden der spanischen Hauptstadt und in sieben angrenzenden Orten leben. Überall dort haben die Gesundheitsbehörden innerhalb von zwei Wochen mehr als 1000 neue Coronafälle auf 100.000 Einwohner registriert. Zum Vergleich: Deutschland verzeichnet aktuell 11 Neuinfektionen auf 100.000 Menschen in einer Woche.

Ayuso nannte die Entwicklung in Madrid "ganz schlimm", man habe handeln müssen. "Einen kompletten Lockdown wollen wir verhindern, es wäre ein Rückschritt und ein Desaster für unsere Wirtschaft", sagte die Regierungschefin. "Wenn wir uns alle an die neuen Regeln halten, wird sich unsere Region schnell wieder erholen."

Zu den neuen Vorschriften gehört auch: Nur noch sechs Menschen dürfen sich privat treffen, nicht mehr zehn wie bisher. Bars und Restaurants dürfen nur noch halb so viele Gäste empfangen und müssen um 22 Uhr für Besucher schließen. Was für spanische Verhältnisse früh ist, das Abendessen beginnt klassisch erst nach 21 Uhr. Öffentliche Parks bleiben komplett zu.

Ein Corona-Patient in Spanien | Bildquelle: REUTERS
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Die Krankenhäuser in Madrid füllen sich stetig mit Covid-19-Patienten, berichtet eine Krankenschwester.

"Die Maßnahmen der Regierung reichen nicht aus"

Die Reaktionen der Menschen in Madrid fallen unterschiedlich aus. Yolanda, eine Krankenschwester aus Madrid, hält die neuen Regeln für nicht wirksam genug, um die Verbreitung des Virus tatsächlich zu stoppen: "Die Leute aus den Problemvierteln verlassen ihre Gegend ja, um zur Arbeit zu fahren. Sie können ja nicht einfach aufhören zu arbeiten, sie brauchen das Geld. Es ist wirklich kompliziert."

Yolanda selbst bekommt die Virus-Krise jeden Tag hautnah bei ihrer Arbeit in einem öffentlichen Krankenhaus zu spüren - und das fülle sich stetig mit Covid-19-Patienten. "Wir haben nicht genügend Personal, um uns gut um alle Patienten zu kümmern. Wir sind müde und erschöpft", erzählt sie. "Die Infektionszahlen steigen weiter, weil die Maßnahmen der Regierung nicht ausreichen."

Die Krankenhäuser in der Region Madrid melden, dass inzwischen mehr als die Hälfte der Intensiv-Betten mit Covid-19-Patienten belegt sind. Estebán verteidigt die Regionalregierung gegen Kritik, dass diese zu spät reagiert und somit die hohen Corona-Fallzahlen provoziert habe. Regionalpräsidentin Ayuso sei eine geborene Arbeiterin, die das Beste für Spanien und für Madrid wolle.

Sánchez will sich mit Ayuso treffen

Die neuen Regeln gelten zunächst für 14 Tage. Dann will die Regionalregierung entscheiden, ob sie andere Maßnahmen ergreift. Möglicherweise kommt auch schon früher Bewegung in die Sache: Am Montag möchte Ministerpräsident Pedro Sánchez die Regionalpräsidentin zu einem Krisengespräch treffen. Eigentlich wollte er nach dem Alarmzustand im Frühjahr das Corona-Management den Regionen überlassen. Doch mit Blick auf die dramatischen Zahlen aus der spanischen Hauptstadtregion scheint er diese Entscheidung nun zu überdenken.

Corona Spanien: Madrid schränkt Bewegungsfreiheit wieder ein
Oliver Neuroth, ARD Madrid
19.09.2020 06:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. September 2020 um 07:10 Uhr.

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