Kroatien, Zagreb: Menschen mit Gesichtsmasken warten vor dem Krankenhaus Dubrava. | Bildquelle: AFP

Corona-Pandemie Ein Crash-Test für ganz Südosteuropa

Stand: 21.10.2020 18:53 Uhr

Die Infektionszahlen in Südosteuropa steigen bedrohlich - ein echter Crash-Test für Gesundheitssysteme und Behörden. Dabei glaubten manche Länder, sie hätten die Pandemie schon gestoppt.

Von Wolfgang Vichtl, ARD-Studio Südosteuropa

Slowenien: Vom Musterland zum Teil-Lockdown

"Pandemie gestoppt", hieß es in Slowenien nach der ersten Welle Mitte Mai. Aber mehr als 300 Neuinfizierte auf 100.000 Einwohner ließen die Regierung erneut die Notbremse ziehen: Teil-Lockdown für 30 Tage, Sperrstunde ab 21 Uhr, zu Hause bleiben, außer man muss zum Arzt oder zur Arbeit. Die Wirtschaft soll aber am Laufen gehalten werden. Die Polizei kontrolliert - und ermahnt erstmal nur. Die Slowenen murren, sind aber einsichtig.

Schild zu einer Drive-In-Teststation auf das Coronavirus in Ljubljana, Slowenien | Bildquelle: IGOR KUPLJENIK/EPA-EFE/Shutterst
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Wegen des raschen Anstiegs der Infektionszahlen in den vergangenen Wochen hat die Regierung in Ljubljana massive Einschränkungen wie eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

Kroatien: Das Urlaubsland vermisst die Touristen

Mit am heftigsten treffe die Corona-Krise Kroatien, sagt Mario Holzner vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche. Kroatien drohe ein Einbruch des Bruttosozialprodukts knapp im zweistelligen Bereich, befürchtet er. Das 4,3-Millionen-Land musste jetzt zum ersten Mal mehr als 1000 Infizierte am Tag registrieren. Noch im Sommer wurden zum Beispiel auf der Halbinsel Istrien an vielen Tagen keine neuen Corona-Fälle registriert. Die Anti-Corona-Regeln sind noch relativ gemäßigt, ein Lockdown ist im Moment kein Thema.

Kroatien, Zagreb: Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesens entnimmt einem Patienten in einem Gesundheitszentrum eine Abstrichprobe für einen Corona-Test. | Bildquelle: dpa
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In Kroatien liegt die Zahl der Infektionen inzwischen weit über 28.000. Bislang starben 393 Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Montenegro: Erst Vorbild, dann europaweiter Hotspot

Knapp 630.000 Einwohner und mit 2385 Infizierten auf 100.000 Einwohner jetzt führend in der Corona-Negativ-Länderliste der Europäischen Statistikämter - dabei hatte Montenegro Anfang Juni das Virus offiziell für besiegt erklärt. Am Ende der ersten Welle, im Frühjahr, zählte das kleine Land 324 Infizierte und neun Tote. Die Bilanz heute ist dramatisch: 17.000 Infizierte und 250 Corona-Tote.

Ungarn: Lockere Regeln, aus Sorge um die Wirtschaft

Lockdown-ähnliche Zustände wie im Frühjahr will Ungarn vermeiden. Damals schloss man Grenzen und Schulen und konnte so das Virus eindämmen. Das ist vorbei. Obwohl die Infektionszahlen steigen, geht Ungarn im Moment relativ locker damit um: Bars, Restaurants, Kinos haben geöffnet, bis 23 Uhr. Es gilt zwar Maskenpflicht, aber nicht alle halten sich daran.

Bulgarien: Bedrohlich hohe Zahlen und Proteste

Zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Krise registriert auch Bulgarien mehr als 1000 Infizierte pro Tag, zuletzt waren es 1024 (Stand: 20.10.2020). Knapp ein Viertel (23 Prozent) der Tests waren Corona-positiv. Die Diskussion über eine landesweite Maskenpflicht - auch im Freien - hat begonnen. Sorge macht die Situation in den Krankenhäusern. Das Sieben-Millionen-Land Bulgarien leidet chronisch an Ärzte- und Pfleger-Mangel, viele haben das Land frustriert verlassen, als gesuchte Fachkräfte in anderen EU-Ländern.

Die Fahrgäste einer Straßenbahn in Sofia tragen Masken, Bulgarien. | Bildquelle: VASSIL DONEV/EPA-EFE/Shutterstoc
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In Bulgarien sind Masken ab Donnerstag auch auf den Straßen verpflichtend. In dem Land mit sieben Millionen Einwohnern gibt es bislang mehr als 1000 Todesfälle.

Rumänien: Gesundheitssystem am Rand der Belastbarkeit

Für die 20 Millionen Einwohner in Rumänien gibt es nur etwas mehr als 1000-Intensiv-Betten für Corona-Kranke. Das Problem: Fast drei Viertel davon sind bereits belegt, während die Infizierten-Zahlen täglich bedrohlich steigen. Präsident Klaus Iohannis reagiert auf Vorwürfe abwehrend-gereizt: In einer "Katastrophe" wie dieser "müsse nicht nach Schuldigen, sondern nach Lösungen gesucht werden". Das aber trauen viele Rumänen den Verantwortlichen nicht zu.

Serbien: Ärzte befürchten Kollaps der Krankenhäuser

In Serbien wird die Kritik am System verschärft durch die Probleme, die die Corona-Pandemie verursacht. Gut ausgebildete Mediziner haben das Land verlassen, sie fehlen dringend. Deshalb haben sich rund 3000 Ärzte zusammengetan, um das Versagen der Krisenstäbe einigermaßen auszubügeln. Sie warnen vor einem "italienischen Szenario", wenn zu viele Covid-19--Kranke das ganze Gesundheitssystem lahmlegen.

Ein Mann geht in Belgrad, Serbien an Corona-Warnschildern vorbei. | Bildquelle: AP
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In Serbien fehlen Ärzte - viele gut ausgebildete Mediziner haben das Land verlassen.

Bosnien-Herzegowina: Zu wenig Krankenhauspersonal

Medizintechnik in den Krankenhäusern gibt es, aber es fehlt an Ärzten und Fachpersonal, das die Geräte bedienen könnte. Gegen die steigenden Infektionszahlen wurde in zwei Regionen, Sarajevo und Una-Sana, Maskenpflicht auch im Freien angeordnet. In Sarajevo drohen - für Einheimische empfindlich hohe - Geldstrafen von mehr als 500 bosnische Mark (rund 250 Euro), falls sich jemand nicht daran hält. Die Bereitschaft, Maske zu tragen, nimmt zu.

Albanien: Schutzmaske auf der Straße schon ab elf Jahren

Die Hauptstadt Tirana ist das Epizentrum der Pandemie, hier werden mehr als die Hälfte der Neuinfektionen registriert. Auch die Zahl der Todesfälle ist gestiegen, von 31 Mitte September auf 451 (Stand: 19.10.2020), seit Restaurants, Bars, Schulen und Schwimmbäder wieder geöffnet haben. Regierungschef Edi Rama erklärt, trotz der gestiegenen Fallzahlen seien aber erst knapp die Hälfte der medizinischen Kapazitäten ausgeschöpft.

Kosovo: Gereizte Stimmung in der Wirtschaftskrise

Seit im Kosovo Anfang Juni die zuvor vergleichsweise scharfen Regeln gelockert wurden, steigen die Infiziertenzahlen. Deshalb gilt Maskenpflicht, drinnen wie draußen. Wer sich weigert, muss zahlen: Geldstrafen zwischen 35 und 300 Euro, Zehntausende wurden schon zur Kasse gebeten. Die Bevölkerung reagiert zum Teil äußerst gereizt, wenn Ministerpräsident Avdullah Hoti auf seinem Facebook-Account schärfere Maßnahmen damit begründet, einen Lockdown verhindern zu wollen. Schon jetzt haben geschätzt 20.000 bis 40.000 Kosovaren in der Corona-Krise ihren Job verloren.

Nordmazedonien: Hat die "zweite Welle" begonnen?

Die Zahl der Infizierten steigt, die Quarantäne-Stationen in den Krankenhäusern sind überfüllt. Gesundheitsminister Venko Filipce warnt vor einem düsteren Corona-Herbst und -Winter und droht mit einem Quarantäne-Lockdown. Zur Diskussion steht, Restaurants, Cafés, Sandwich-Läden früher zu schließen, die Arbeit dort bis spätestens 23 Uhr einzustellen, Veranstaltungen zu verbieten und den öffentlichen Nahverkehr um die Hälfte herunterzufahren.

Corona in Südosteuropa: Crashtest für die Systeme
Wolfgang Vichtl, ARD Wien
21.10.2020 15:20 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 21. Oktober 2020 um 13:10 Uhr im Deutschlandfunk.

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