Eine geschlossene Kirche in Georgia, USA | Bildquelle: AFP

USA Corona fordert Landärzte heraus

Stand: 31.03.2020 13:07 Uhr

Auch in den ländlichen Gebieten der USA breitet sich das Coronavirus immer weiter aus. Doch die Gesundheitsversorgung ist dort schon zu normalen Zeiten ein Problem.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Karen Kinsell sitzt am Laptop in ihrem Arbeitszimmer zuhause in Fort Gaines, einer Kleinstadt im Südwesten von Georgia. Die Mittsechzigerin ist die einzige Ärztin im gesamten Landkreis mit gut 3000 Einwohnern. Doch wegen der Corona-Krise hat auch sie ihre Praxis jetzt geschlossen, berichtet die hemdsärmelige Frau mit den kurzen Haaren im Interview per Skype: "Wir haben festgestellt, dass wir keinerlei Schutzausrüstung hatten und deshalb gar nicht erst versuchen sollten, Leute zu testen. Ich bin selber in der Hochrisiko-Gruppe. Und deshalb arbeiten wir jetzt seit vergangener Woche von zuhause."

"Wir", das sind Karen und ihre Sprechstundenhilfe. Und die Praxis: Das ist eine heruntergekommene, ehemalige Eisdiele mit undichtem Dach. Schon zu normalen Zeiten ist das Praktizieren hier eine Herausforderung.

Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung in Clay County leben unter der Armutsgrenze. Ein Drittel von Karens Patienten hat gar keine Krankenversicherung. Sie bezahlen ihr -- wenn sie können -- zehn Dollar pro Besuch. "Seit dem Wochenende melden sich immer mehr Menschen mit offensichtlichen Covid-Symptomen. Und auch heute habe ich den ganzen Vormittag mit Patienten mit möglichen Anzeichen telefoniert", sagt sie.

Ärztin hält vor allem telefonisch Kontakt

Viel tun könne sie ohnehin nicht für ihre Patienten - außer täglich wenigstens telefonisch Kontakt zu halten. "Oft geht es Leuten ja in der zweiten Woche schlechter. Und deshalb ist es mir wichtig, in Verbindung zu bleiben, damit sie nicht denken: 'Ach, ist schon okay', auch wenn sie eigentlich was unternehmen müssten, weil sich ihr Zustand verschlimmert."

Nächstes großes Krankenhaus - 90 Kilometer entfernt

Das nächste große Krankenhaus mit Beatmungsgeräten ist rund 90 Kilometer entfernt und schon jetzt mit Corona-Fällen überlastet. In der etwas näher gelegenen Landklinik ist einer der beiden Ärzte selbst schon erkrankt.

Wie viele Infizierte es in Clay County sind, das weiß auch Karen nicht. Denn getestet wird in Georgia momentan erst, wenn die Symptome so schwer sind, dass die Patienten ins Krankenhaus müssen. "Keine Ahnung, wie viele es wirklich sind. Aber sicher viel mehr, als wir erst dachten. Unser County will jetzt noch mal die Verhaltensregeln verschärfen, um die Verbreitung zu verlangsamen. Aber ich glaube, dafür ist es längst zu spät."

US-Gesundheitssystem teuer, aber schlecht

Die Corona-Krise verdeutlicht, was Karen aus jahrelanger Erfahrung als Landärztin längst weiß: Das Gesundheitssystem in den USA ist zwar mit Abstand das teuerste der Welt, aber die Versorgung ist für viele Amerikaner schlecht. Die Lebenserwartung niedriger, die Geburten- und Müttersterblichkeit höher als in den übrigen Industrienationen. "Wir geben pro Kopf doppelt so viel für Gesundheit aus wie alle anderen Länder. Aber warum ist es dann so beschissen? Die Ergebnisse sind beschissen, der Zugang zu Versorgung ist für viele Leute furchtbar. Es gibt eigentlich keinen Grund, warum wir so rückständig sind. Aber wir sind es."

Ironischerweise könnten viele ihrer Patienten wirtschaftlich kurzfristig von der Krise sogar profitieren, erklärt Karen. Weil sie vom Staat vorübergehend mehr finanzielle Unterstützung bekommen werden. Doch insgesamt ist die Ärztin über den Umgang mit der Pandemie entsetzt. "Wir sollen doch eigentlich die schlauen, reichen Leute sein. Ist schon erstaunlich. Allein wenn man sieht, wie wenig Schutzkleidung es gibt. Schockierend, dass unser Land so elend unvorbereitet ist." Karen jedenfalls hat ihre persönlichen Konsequenzen aus der Krise gezogen. Am Samstag wird sie 65 Jahr alt. Und obwohl sie das bislang nicht für nötig hielt, hat sie sich jetzt schnell selbst bei der staatlichen Krankenversicherung für Senioren angemeldet.

Allein im Kampf gegen Corona: Einzige Ärztin in Clay County schließt die Praxis
Julia Kastein, ARD Washington
31.03.2020 12:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im Hörfunk am 31. März 2020 um 14:24 Uhr.

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