Menschenleerer Times Square in New York | Bildquelle: picture alliance/dpa/XinHua

Corona-Krise in New York Mit Arroganz in die Katastrophe

Stand: 21.12.2020 09:11 Uhr

Nirgendwo schlug Corona so schlimm zu, wie in New York. Mindestens 25.000 Menschen fielen dem Virus bislang zum Opfer. Zu lange dauerte es, bis die Verantwortlichen die Lage ernst nahmen.

 Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Die Bilder aus New York gehen im Frühjahr um die ganze Welt: Lange Schlangen vor den Kliniken, sterbende Menschen auf Krankenhausfluren, Kühl-Lkw, um der Leichen Herr zu werden. "Das ist ein medizinisches Kriegsgebiet", sagt die Notärztin Arabia Mollette, die in einem Krankenhaus in Brooklyn arbeitet. "Jeden Tag: Schmerz, Verzweiflung, Leid - und medizinische Ungleichheit.“

Dabei hatte New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo noch Anfang März verkündet: "Entschuldigen Sie unsere New Yorker Arroganz. Aber - und da spreche ich auch im Namen des Bürgermeisters: Wir haben das beste Gesundheitssystem auf dem Planeten hier in New York." Bürgermeister Bill de Blasio nickt eifrig, auch als Cuomo sagt, dass die beiden davon ausgehen, dass es hier gar nicht so schlimm werden wird, wie anderswo auf der Welt.

Kühltransporter stehen auf einem Parkplatz, im Hintergrund ist die Freiheitsstatue zu erkennen. Die Kühllaster bewahren vorläufig Leichen auf, um die überforderten Bestattungsinstitute im Stadtteil Brooklyn zu entlasten. | Bildquelle: picture alliance/dpa/ZUMA Wire
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In Kühllastern wurden vorübergehend Leichen aufbewahrt, um die überforderten Bestattungsinstitute im Stadtteil Brooklyn zu entlasten.

Zum Teil 800 Tote täglich

Ein fataler Irrtum: Nirgendwo schlug die Corona-Pandemie so schlimm zu, wie hier in New York. Mindestens 25.000 Menschen fielen dem Virus bislang zum Opfer. Zum Teil starben 800 Menschen am Tag. Soweit hätte es nicht kommen müssen, sagt der deutsche Kinderarzt Nils Hennig, der am Mount Sinai Hospital in Manhattan arbeitet:

"Man hat zu spät angefangen das ernst zu nehmen und dann hat man auch immer noch zu langsam reagiert und nicht stark genug. Mit konsequenten Tests und Isolation von Infizierten und ihren Kontakten hätte so ein unkontrollierter Ausbruch über ein Jahrzehnt verhindert werden können. Andere Länder haben das auch hinbekommen.“

Doch es dauert lang, viel zu lang, bis die Verantwortlichen in New York die Lage ernst nehmen. Am 1. März wird der erste Fall bekannt. Eine 39-Jährige, die kurz zuvor auf dem Flughafen JFK gelandet ist. Dann werden in einem New Yorker Vorort zahlreiche Menschen positiv getestet. Experten fordern, schnell zu handeln. Doch stattdessen verkündet Cuomo am 8. März auf Fox News: "Die Leute haben Angst. Sie wissen nicht, wem sie glauben sollen. Diese Angst ist gefährlicher als das Virus selbst."

Zunächst Durchhalteparolen

Obwohl Bürgermeister De Blasio einräumt, das Virus könne sich bereits überall in der Stadt verbreitet haben, verkündet er Durchhalteparolen - im Interesse der Gastronomie: "Das Beste ist, wenn wir einfach weitermachen wie bisher: Ausgehen, Geschäfte unterstützen. Wenn Ihr Eurer Verhalten ändern sollt, dann sagen wir Euch das."

Danach hören die New Yorker lange nichts von Bürgermeister und Gouverneur. Während San Francisco und Los Angeles in den Lockdown gehen, obwohl es dort kaum Corona-Fälle gibt, geht das Leben in New York einfach weiter. Trotz rasant steigender Infektionszahlen. Erst Ende März zieht New York nach.

Und Cuomo macht sich sogar noch über die sogenannte "Shelter in Place"-Anordnung De Blasios lustig, das Haus nicht mehr verlassen zu dürfen: "Shelter in Place wird angeordnet, wenn es eine Schießerei gibt. Oder während eine Atomkriegs, wenn ich im Haus bleiben muss. Aber wir sind hier nicht im post-nuklearen Holocaust."

New York braucht Jahre, um sich zu erholen

Heute sagen Experten: Hätten die Verantwortlichen nur zwei Wochen früher gehandelt, mehr die Hälfte der 25.000 Corona-Opfer hätten nicht sterben müssen. Doch nicht nur sie und ihre Angehörigen zahlen einen hohen Preis für die Arroganz der New Yorker Politiker: Eine Million Menschen haben ihren Job verloren. Zwei Millionen New Yorker sind auf Suppenküchen angewiesen.

Die Stadt ist pleite und wird Jahre brauchen, um sich von der Krise zu erholen. Bürgermeister De Blasio sagt: "Das ist ein Szenario, das nur mit der Großen Depression vergleichbar ist. Und allein das auszusprechen, macht mir Todesangst."

 

Das Corona-Jahr in New York
Peter Mücke, ARD New York
21.12.2020 07:54 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 21. Dezember 2020 um 05:45 Uhr im Deutschlandfunk.

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