Ein Mann in Schutzanzug führt einen Desinfektionseinsatz in dem Armenviertel "Villa 31" im argentinischen Buenos Aires durch. | Bildquelle: dpa

Corona und drohende Staatspleite Argentiniens Doppelkrise

Stand: 03.07.2020 09:13 Uhr

Argentinien steht seit Jahren kurz vor der Staatspleite. Jetzt kommt Corona hinzu. Die Fallzahlen sind zwar niedriger als in den Nachbarländern, doch wirtschaftlich dürfte die Pandemie Argentinien ungleich härter treffen.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

"Vertraute Straße in meinem Viertel, du weißt nicht, wie sehr ich dich vermisse. Ich gehe nicht mal vor die Tür, als Risikogruppe, die ich bin."

Gloria Guerra aus Buenos Aires singt sich den Quarantäne-Koller vom Herzen. Den Tango kann ihr niemand nehmen, auch Corona nicht. Ihr Handy-Video ging viral.

Bereits am 20. März hatte Argentinien strikte Ausgangssperren verhängt. Mitte-links-Präsident Alberto Fernández erklärte damals: "Eine Wirtschaft, die abstürzt, steht auch wieder auf. Aber ein Leben, das ausgelöscht wird, kommt nie wieder zurück."

"Da braut sich ein gigantischer Sturm zusammen"

Tatsächlich steht Argentinien beim Kampf gegen die Pandemie - mit derzeit knapp 70.000 Infizierten - weitaus besser da als Nachbarländer wie Brasilien oder Chile. Doch der anfängliche breite Rückhalt für die Politik der Regierung beginnt zu bröckeln, sagt der Politologe Andres Malamud: "Das Paradox ist: Zwar gelang es, den Verlauf der Pandemie zu verzögern, das half, die Krankenhauskapazität aufzustocken." Doch die Kurve sei scheinbar nicht abgeflacht, sondern nur aufgeschoben.

"Es sieht so aus, dass sich auch hier die Lage noch enorm verschärft, dazu bekommen wir jetzt die dramatischen wirtschaftlichen Folgen zu spüren. Da braut sich ein gigantischer Sturm zusammen", so Malamud. Nach mehr als 100 Tagen Lockdown wurden die Zügel gerade noch einmal angezogen. Dabei sind viele nicht nur mit der Geduld am Ende, sondern auch wirtschaftlich.

Armenviertel Fuerte Apache in Buenos Aires | Bildquelle: REUTERS
galerie

Die soziale Ungleichheit ist in dem südamerikanischen Land groß.

"Ohne Hilfe geht hier einer nach dem anderen pleite"

Gastwirtin Mariana Achaval weiß nicht, wie lange sie noch durchhalten kann: "Am Anfang, in den ersten zwei Wochen, hat sich keiner ausgemalt, wie lang das alles dauern würde." Achaval fing an, Essen auszuliefern und online auch andere Produkte anzubieten. "Aber die machen nur etwa 20 Prozent unseres früheren Umsatzes", berichtet die Gastwirtin.

Gleichzeitig müsse sie weiterhin Steuern und Kosten abführen. "Der Staat unterstützt zwar die Lohnfortzahlung, aber gleichzeitig hat er die Abfindungssumme verdoppelt, sollte jemand Angestellte entlassen. Für uns Unternehmer gibt es kaum Unterstützung. Aber ohne Hilfe geht hier gerade einer nach dem anderen pleite", klagt Achaval.

Wirtschaftskrise durch Pandemie verschärft

Dabei steht Argentinien selbst vor dem Bankrott. Die Pandemie hat die schwere Krise des Landes verschärft. Allein im April ist die Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 26 Prozent eingebrochen.

Der Prognose des Internationalen Währungsfonds zufolge werden die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie kein Land der Region so hart treffen wie Argentinien. Denn die Staatskasse ist leer. Derzeit verhandelt die Regierung über einen Schuldenschnitt. Doch ob die Gläubiger zustimmen, ist nach wie vor ungewiss.

Armenviertel Fuerte Apache in Buenos Aires | Bildquelle: JUAN IGNACIO RONCORONI/EPA-EFE/S
galerie

In den Armenvierteln in Argentinien fehlt es an allem - die Pandemie und die jahrelang andauernde Wirtschaftskrise verschärfen die Situation zunehmend.

"Diese Ungerechtigkeit tut weh"

Derweil steigen die Fallzahlen immer schneller an, vor allem in den Villas, den Armenvierteln. Gleichzeitig fehlt es dort an allem, sagt Jessica Azcurraire aus der Villa 21-24 im Süden von Buenos Aires: "Es gibt eine soziale Ungleichheit, die Pandemie macht sie nur noch einmal deutlicher. Unseren Vierteln fehlt es an Wasser, die Leute leben dicht an dicht, der Hunger wird trotz Hilfen und Spenden größer."

Die Bewohner der Armenviertel könnten nicht mit einer warmen Suppe zu Hause bleiben - sie müssten rausgehen, um zu essen. "Ich habe große Angst. Und es tut weh zu sehen, dass manche sich schützen können und andere nicht, diese Ungerechtigkeit tut weh", so Azcurraire.

Große soziale Ungleichheit

Staatliche Versäumnisse, soziale Ungleichheit, eine Wirtschaft im chronischen Krisenmodus, dies wird mit der Corona-Pandemie zur lebensgefährlichen Bedrohung. Das ist die andere Schuldenlast Argentiniens, die nicht mehr tragbar ist. Oder wie es Tangosängerin Guerra sagt:

"Die Welt sitzt im selben Boot, heißt es, aber so ist es nicht. Wir fahren auf demselben Fluss, aber manche sitzen in einer Jacht, einige haben eine Kabine in einem Panzerschiff, andere sitzen in einem Floß und wieder andere versuchen sich schwimmend, über Wasser zu halten. Aber ich glaube, wir schaffen das nur zusammen, sonst rettet sich niemand."

Argentiniens Doppelkrise – Zwischen Corona und Staatspleite
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
03.07.2020 07:44 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Juli 2020 um 05:14 Uhr.

Korrespondentin

Anne Herrberg Logo BR

Anne Herrberg, BR

Darstellung: