Schild mit Hygieneregeln in Port-au-Prince (Haiti) | Bildquelle: AP

Krise in Haiti Warnung vor der "maximalen Katastrophe"

Stand: 03.08.2020 09:14 Uhr

Seit Jahren befindet sich Haiti in der Krise: Die Wirtschaft stagniert, der umstrittene Präsident regiert per Dekret. Mit der Corona-Krise verschärft sich die Situation - zudem steht die Hurrikan-Saison an.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

"Corona kann viel Schaden anrichten. Schütz dich, wasch deine Hände. Wenn du Fieber hast, dann ruf im Krankenhaus an", mahnt die offizielle haitianische Covid-19-Aufklärungskampagne, die mit Unterstützung der UNICEF verbreitet wird.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gibt es im Land etwa 7400 bestätigte Corona-Fälle, 165 Menschen starben bislang an den Folgen der Viruserkrankung. Die von vielen Experten erwartete Katastrophe sei ausgeblieben, sagt Annalisa Lombardo von der Welthungerhilfe in Port-au-Prince. Der Ausnahmezustand sei aufgehoben worden, berichtet sie gegenüber der ARD am Telefon.

"Was richtig ist, dass nach wie vor nur extrem wenig getestet wird. Aber die Sterblichkeitsrate hat in den Gemeinden nicht dramatisch zugenommen. Das belegen die offiziellen Zahlen, aber auch informelle Befragungen in den Regionen unterstützen das. Warum das so ist? Wir haben auch keine Erklärung dafür. Es wird hier das Wunder von Haiti genannt, aber wir glauben nicht, dass das Risiko, die Pandemie vorbei ist."

Fehlendes Vertrauen in das Gesundheitssystem

Die Lebensverhältnisse in den Elendsvierteln von Port-au-Prince sind beengt, es gibt kaum fließendes Wasser, Hygieneregeln können nicht eingehalten werden. Allerdings seien die Kapazitäten der Krankenhäuser mit Hilfe der internationalen Gebergemeinschaft aufgestockt worden. Derzeit gebe es 26 Behandlungszentren über das ganze Land verteilt mit 1011 Betten. "Doch bislang sind die neuen Intensivbetten längst nicht ausgelastet. Aber das hat sicherlich auch damit zu tun, dass viele Haitianer kein Vertrauen in das öffentliche Gesundheitssystem haben", so Lombardo.

Verschwörungstheorien kursierten zahlreich. Für die einen ist das Coronavirus eine Erfindung der Regierung, andere fürchten eine tödliche Injektion, wenn sie sich ins Krankenhaus begeben.

Ein Coronavirus-Patient liegt auf einer Station im Krankenhaus in Port-au-Prince (Haiti) | Bildquelle: REUTERS
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Die Kapazitäten der Krankenhäuser im Land sind mit Hilfe der internationalen Gebergemeinschaft aufgestockt worden.

Ernteausfälle durch anhaltende Trockenheit

Auch wenn sich die Zahlen in Haiti derzeit noch im Rahmen halten, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise, für den ohnehin bitterarmen karibischen Inselstaat, sind schwerwiegend. Ein großes Problem: Die Überweisungen, der im Ausland lebenden Haitianer sind um 20 Prozent zurückgegangen, weil sie selbst ihren Job etwa in den USA oder in der Dominikanischen Republik mit Beginn der Corona-Krise verloren haben. Zuvor machten sie 30 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus.

Das Land stehe vor einem wirtschaftlichen und politischen Kollaps - etwa 40 Prozent der Haitianer haben laut Welthungerhilfe nicht ausreichend zu Essen. Das Land leidet unter einer rasenden Inflation, die nationale Währung wurde abgewertet, zuletzt sorgte anhaltende Trockenheit für Ernteausfälle.

Blick in eine Straße in Port-au-Prince (Haiti) | Bildquelle: REUTERS
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40 Prozent der Haitianer haben laut Welthungerhilfe nicht ausreichend zu Essen.

Wut auf die Regierung Moïse

Im vergangenen Jahr kam es immer wieder zu Protesten. Die Wut in der Bevölkerung ist groß. Viele Haitianer fordern den Rücktritt von Präsident Jovenel Moïse, dem sie Korruption vorwerfen. Nachdem die geplante Parlamentswahl im Herbst vergangenen Jahres ausgefallen war, regiert Moïse per Dekret. Die Lage spitze sich immer weiter zu, sagt die Landesdirektorin von der Welthungerhilfe:

"Die Leute machen sich keine Sorgen um Corona, sie haben andere Probleme. Es gibt keinen Strom und keinen Treibstoff."

Blick in eine Straße in Port-au-Prince (Haiti) | Bildquelle: REUTERS
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Die Hurrikan-Saison steht an - das Land ist Beobachtern zufolge nicht ausreichend auf derartige Naturkatastrophen vorbereitet.

Hurrikan-Saison steht bevor

Zu alledem droht in Haiti die alljährliche Hurrikan-Saison. Zuletzt vor vier Jahren vom Wirbelsturm "Matthew" schwer getroffen, sei der Karibikstaat nach wie vor nicht ausreichend auf derartige Naturkatastrophen vorbereitet, erklärt der Arzt Jean Wiliam Pape von GHESKIO - einem medizinischen Ausbildungs- und Behandlungszentrums in Port-au-Prince - dem amerikanischen Fernsehsehsender-Netzwerk PBS.

"Wenn es heftig stürmt und regnet, dann werden Menschen sterben, Häuser zerstört. Wenn man sie dann in Notunterkünfte steckt, dann gibt es nicht ausreichend Platz, damit steigt wieder das Infektionsrisiko." Pape meint, dies sei die schlimmste Krise, die er je erlebt habe. Sie komme zum denkbar schlimmsten Zeitpunkt. "Wir kämpfen schon mit den größten Problemen überhaupt. Diese Kombination macht es zu einem 'Perfect Storm' - wir haben hier die maximale Katastrophe", warnt der Arzt.

Haiti: Corona, Hunger, Wirbelstürme
Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt
03.08.2020 07:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. August 2020 um 07:48 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

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