Blick auf die Promenade in Magaluf | Bildquelle: AFP

Corona-Krise auf Mallorca "Ich habe keine Einkünfte mehr"

Stand: 05.08.2020 08:58 Uhr

Wer auf Mallorca vom Tourismus lebt, bekommt die Ausmaße der Corona-Krise immer stärker zu spüren. Viele stehen vor dem finanziellen Aus. Wohlfahrtsverbände müssen sich um etliche Menschen kümmern.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Antonina steht mit Megaphon in der Hand auf der Plaza España im Herzen von Palma. Um sie herum laufen Touristen, kaum jemand beachtet die Frau mit weißem T-Shirt. Nur ein paar Kolleginnen von ihr hören zu. Sie alle sind Zimmermädchen, die meisten haben wegen der Corona-Krise aktuell keine Arbeit.

"Die Hotelbetreiber haben nur ihre Festangestellten in Kurzarbeit geschickt. Wer aber einen Zeitvertrag hat, wie ich und etwa 40 bis 50 Prozent aller Zimmermädchen auf den Balearen, wird im Stich gelassen und hat keinerlei Einkünfte", so Antonina auf der kleinen Kundgebung.

Zimmermädchen demonstrieren in Palma. | Bildquelle: ARD-Studio Madrid
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Mallorca und seine Nachbarinseln sind vom Tourismus abhängig - Zimmermädchen demonstrieren deshalb in Palma, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen.

Geld vom Staat bekomme sie nicht, sagt sie. Ihr Mann verdient knapp 1000 Euro im Monat, die Familie kommt damit über das Limit für die Sozialhilfe. Doch das Leben in Palma de Mallorca ist teurer als in den meisten Städten auf dem spanischen Festland.

Kein Kurzarbeitergeld

Dieses Problem bekommt gerade auch Ivette zu spüren. Die 26-Jährige hatte bis Anfang des Jahres noch zwei Jobs: den einen in einem Hotel in Palma, den anderen in einem Restaurant. Doch wegen der Corona-Krise und der vergleichsweise wenigen Touristen auf der Insel haben beide Betriebe entschieden, erst einmal nicht zu öffnen.

Sie erhalte kein Kurzarbeitergeld, da sie ihre Jobs aufgegeben hat. Das Kurzarbeitergeld wären in ihrem Fall etwas mehr als 100 Euro, sagt Ivette. "Das Arbeitslosengeld, das ich stattdessen bekomme, ist höher. Doch wer hätte gedacht, dass sich diese Krise derart hinzieht: Nun läuft mein Arbeitslosengeld aus, ich habe gar keine Einkünfte mehr."

Die 26-jährige Ivette spricht im Interview über ihre schwierige Job-Situation in der Corona-Krise. | Bildquelle: ARD-Studio Madrid
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Die 26-jährige Ivette hat in der Corona-Krise zwei Jobs in der Tourismusbranche verloren und ist nun auf Arbeitslosengeld angewiesen - dieses laufe aber bald aus.

Hilfe von der Caritas 

Ivette wandte sich an die Caritas. Das Hilfswerk der katholischen Kirche unterstützt sie bei der Suche nach einem Job. Doch das gestaltet sich aktuell als äußerst schwierig: Die Balearen-Inseln sind die Region in Spanien, in der die Zahl der Arbeitslosen am stärksten gestiegen ist: Im Juli waren fast 72.000 Menschen arbeitslos gemeldet, 91 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Entsprechend hoch ist auch die Nachfrage bei der Caritas, sagt Sprecherin Noemi Estarás. "Im ganzen Jahr 2019 haben wir etwa 8800 Menschen auf Mallorca betreut. Seit Beginn der Corona-Krise sind es schon mehr als 5500. Die meisten Menschen fragen bei uns nach Lebensmitteln und nach einer Wohnung. Denn Wohnraum ist hier sehr teuer."

Caritas-Sprecherin Noemi Estarás berichtet über die Lage der Menschen auf Mallorca während der Corona-Krise. | Bildquelle: ARD-Studio Madrid
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Caritas-Sprecherin Noemi Estarás berichtet, dass sich seit der Corona-Krise viele Menschen in wirtschaftlicher Not an den Wohlfahrtsverband wenden.

Abhängigkeit der Balearen-Inseln vom Tourismus

Besonders viele Menschen mit Gelegenheitsjob im Tourismus hofften auf Hilfe von der Caritas, sagt Estarás. Oft seien es Ausländer ohne spanische Papiere, die jetzt nicht einmal mehr mit dem Verkauf von Wasserflaschen an Urlauber auf der Straße über die Runden kämen.

Die Corona-Krise zeigt deutlich: Mallorca und seine Nachbarinseln sind vom Tourismus abhängig. Bricht er weg, stürzen Wirtschaft und Gesellschaft in eine schwere Krise. Laut Caritas lebt jeder Fünfte auf den Balearen in schwierigen sozialen Verhältnissen.

 

Umweltminister fordert Umdenken

Für die Regionalregierung ist klar: Ein Umdenken muss her. "Wir erleben gerade, dass es fatale Folgen haben kann, fast ausschließlich von einem Wirtschaftszweig zu leben, nämlich vom Tourismus. Diese Situation sollte uns als Gesellschaft und uns als Regierung zum Nachdenken bringen: Wie soll die Zukunft für die nächsten Generationen auf unseren Inseln aussehen?", sagt Umweltminister Miquel Mir.

Blick auf geschlossene Restaurants in Magaluf | Bildquelle: AFP
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In der Tourismus-Branche ist nach den Feiern am "Ballermann" die Sorge vor einem erneuten Lockdown groß.

Ivette meint, dass sich mittelfristig am Wirtschaftsmodell der Balearen nichts ändern wird. Mallorca habe dem Tourismus schließlich seinen Reichtum verdanken. Sie hofft, dass die Urlauber den Balearen die Treue halten und ihr somit bald wieder Arbeit verschaffen. "Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber die Touristen sollen bitte die Corona-Regeln einhalten. Sonst geht's hier nicht vorwärts, eher einen Schritt zurück."

Ein weiterer Corona-Lockdown wäre das Letzte, was die Wirtschaft auf Mallorca jetzt noch braucht.

 

Corona-Schicksale auf Mallorca
Oliver Neuroth, ARD Madrid
05.08.2020 07:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 05. August 2020 um 12:22 Uhr.

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