Situation im Flüchtlingslager Dadaab Tausende müssen ohne Schutz im Freien campieren

Stand: 16.08.2011 13:07 Uhr

Die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika treibt immer mehr Menschen in die Flucht: Mit 400.000 Flüchtlingen ist das Lager Dadaab völlig überlaufen, Helfer sind überfordert. Entwicklungsminister Niebel sagte nach einem Besuch dort, das Ausmaß des Elends sei nur schwer erträglich.

Von Antje Diekhans, ARD-Hörfunkstudio Nairobi

Vor einfachen Holztischen drängen sich die Menschen. Frauen sitzen mit ihren Kindern auf dem Boden, viele wirken völlig ausgezehrt. Einige warten schon seit Wochen darauf, hier in diesem Zelt im Flüchtlingslager Dadaab endlich registriert zu werden - denn dann bekommen sie Nahrungsmittelkarten, die zumindest eine Grundversorgung sichern. Doch der Ansturm überwältigt die Mitarbeiter in der Registrierungsstelle. Jeden Tag kommen im Moment Hunderte Menschen aus dem ausgedörrten Süden Somalias in das Camp.

"Wir tun, was wir können", sagt Mabel Ominde, die für die kenianische Regierung arbeitet. "Es tut mir leid, aber wir werden mit den Menschenmassen einfach nicht fertig. Das ist besonders schlimm, weil viele von den Neuankömmlingen krank sind. Sie haben Angehörige verloren, sie haben kein Obdach - sie stehen vor dem Nichts."

Milizen blocken Hilfe weiter ab

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind im Süden Somalias etwa zwei Millionen Menschen von Lebensmittellieferungen abgeschnitten. Die radikal-islamische Al Shabaab hält die Region unter ihrer Kontrolle. Sie will weiter keine Unterstützung durch ausländische Helfer zulassen.

Die Situation in Somalia werde immer schlimmer, sagt eine Flüchtlingsfrau. "Wir haben alles Vieh verloren, darum bin ich hierher gekommen. Ich habe vier Tage für den Weg gebraucht. Unterwegs haben mir Banditen alles Hab und Gut abgenommen", ergänzt sie.

Flüchtling im Lager Dadaab in Kenia
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Vorerst gerettet: Flüchtlinge im Lager Dadaab.

Die Menschen sind erschöpft und ausgehungert - ein leichtes Opfer für Milizen und auch Regierungstruppen im Süden Somalias. Viele haben bei der Ankunft nicht mehr als die Kleidung, die sie am Leib tragen. Weil das Lager inzwischen völlig überlaufen ist, müssen Tausende im Freien kampieren. Sie schlafen auf dem Boden und haben zum Schutz nicht mehr als einfache Planen.

"Die drei Lager von Dadaab waren ursprünglich für 90.000 Menschen ausgelegt", sagt der Nothilfekoordinator des UN-Flüchtlingshilfswerks, Enoch Ochola. Doch in den 20 Jahren Bürgerkrieg in Somalia seien deutlich mehr Flüchtlinge gekommen. "Jetzt müssen wir weit mehr als 400.000 Menschen unterbringen. Wir haben mit der kenianischen Regierung über eine Erweiterung von Dadaab verhandelt und richten jetzt ein neues Lager außerhalb der bestehenden drei Camps ein."

Viele Frauen wurden Vergewaltigungsopfer

Flüchtlinge in Dadaab (Kenia)
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Hunderttausende suchen Zuflucht in den völlig überlaufenen Zeltstädten.

Etwa 15.000 Flüchtlinge wurden in den vergangenen Tagen in weißen Zelten des Flüchtlingshilfswerks untergebracht. Doch das neue Lager ist unsicher. Es gibt keine Wachposten. Gerade Frauen sind bedroht, viele wurden schon Opfer sexueller Übergriffe.

"Unsere Töchter wurden vergewaltigt", sagt eine Frau mit grauem Kopftuch, die für eine Gruppe von Flüchtlingen spricht. "Alles, was wir noch hatten, wurde uns gestohlen. Wir halten das Leben hier nicht aus. Wir würden lieber nach Somalia zurückgehen - da hatten wir wenigstens ein Zuhause" fügt sie hinzu.

Doch wie bei vielen, die schon seit Jahren oder sogar Jahrzehnten in Dadaab leben, wird das Lager für sie wohl eine Endstation sein. Oder zumindest müssen sie sich darauf einrichten, weitere Jahre hier zu verbringen. Selbst wenn der Hunger in Somalia besiegt sein sollte - Frieden herrscht deshalb noch lange nicht.

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