Interview

Stellvertretender UN-Generalsekretär Jan Eliasson  | Bildquelle: picture alliance / IBL Schweden

Interview mit UN-Vize-Generalsekretär Eliasson "Beeindruckende Großzügigkeit Deutschlands"

Stand: 30.09.2016 10:00 Uhr

Die Flüchtlingskrise ist schwierig - für diejenigen, die in ein fremdes Land kommen und für die, die die Fremden als Teil ihrer Heimat akzeptieren sollen. Auch in Deutschland sind noch viele Hürden zu meistern, sagt der UN-Vize-Generalsekretär Eliasson im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Hat die Bundesregierung aus Ihrer Sicht die Situation mit den vielen Flüchtlingen im Griff? 

Jan Eliasson: Ich finde, dass Deutschland eine beeindruckende Großzügigkeit gezeigt hat und in der Debatte um Flucht und Migration eine sehr wichtige Rolle spielt. Dieses Thema ist sehr sensibel für jede Gesellschaft, sicherlich auch für die deutsche.

Aber ich denke, wir müssen einen nüchternen Blick auf die heutige Welt haben, wo Bewegungen über die nationalen Grenzen hinaus ein natürlicher Bestandteil sind und wo, langfristig gesehen, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Migranten und Flüchtlingen abhängig sein wird. Und ich würde auch sagen, dass Migranten und Flüchtlinge eine sehr wichtige Rolle spielen, weil sie Geld zurück in ihre Heimat überweisen.

Ich denke, dass wir von Seiten der Vereinten Nationen für Pluralismus in unseren Gesellschaften einstehen müssen. Unsere Nationalstaaten brauchen Pluralismus. Ich bin mir aber auch bewusst, dass sensible politische Diskussionen daraus entstehen und es eine Herausforderung ist. Wir sollten das als Herausforderung sehen und nicht als Problem oder Risiko.

tagesschau.de: Sollte es Grenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen geben?

Eliasson: Ich denke, dass diejenigen Länder am Ende stärker sein werden, die Teile der Flüchtlings- und Migrantenströme in ihre Gesellschaft integrieren können. Ich weiß aber, wie schwierig das ist. Ich komme aus Schweden - das Land hat viele Flüchtlinge aufgenommen. Aber ich verstehe auch, dass es Beschränkungen geben wird, weil die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen - kurzfristig - sehr negativ waren.

tagesschau.de: Für die Flüchtlinge in Deutschland ist Familienzusammenführung ein großes Thema. Wie sollte die Bundesregierung damit umgehen?

Eliasson: Ganz grundsätzlich und aus menschlicher Sicht ist Familienzusammenführung sehr wichtig. Die Familie ist die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens. Allerdings weiß ich, dass es eines der heikelsten Themen ist, wenn es um innenpolitische Entscheidungen geht, und ich möchte mich nicht in diese Diskussionen einmischen. Aber ich hoffe, dass wir mittel- oder langfristig in der Lage sind, diese Politik der Solidarität und das Recht der Familien zusammenzuleben mit der Akzeptanz in den Gesellschaften in Europa kombinieren können.

tagesschau.de: Was ist Ihre Botschaft an die Flüchtlinge in Deutschland?

Eliasson: Als erstes möchte ich mein Mitgefühl mit ihnen zum Ausdruck bringen und meine Solidarität mit all denen, die ihr Land aufgrund der schrecklichen Lebensumstände verlassen mussten. Ich war in Flüchtlingslagern und ich habe erst vor Kurzem die Flüchtlingssituation im Libanon und in der Türkei gesehen.

Ich weiß, was Krieg ist, ich weiß, was Armut ist und ich weiß, dass ihr Euch in einer Übergangssituation befindet. Ihr habt ein neues Land betreten und ihr hofft natürlich, den bestmöglichen Empfang zu erhalten. Versteht aber, dass das auch eine Veränderung und ein Übergang für das Land ist, das die Flüchtlinge aufnimmt und versucht, Wege zu finden, um zu kommunizieren, um einen Dialog zu führen.

Und ich sage das auch zu den Aufnahmeländern. Achtet darauf, dass ihr eine Situation erzeugt, wo ihr euch gegenseitigen Respekt zeigt. Dies ist eine neue Phase der Geschichte, in der wir uns jetzt befinden. Die Nationen bilden die Welt und gleichzeitig sind die Nationen die Welt. Und das erfordert, dass wir Polarisierung und Spaltung meiden, dass wir die Schönheit des Pluralismus erkennen und lernen, einander zu achten auf der Grundlage, dass jeder Mensch gleichwertig ist, im Sinne der UN-Charta.

Das Gespräch führte Sherif Rizkallah, WDRforyou, für tagesschau.de

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