Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Russlands Präsident Wladimir Putin. | Bildquelle: AP

Erdogan bei Putin Ein Zweckbündnis, das die NATO ärgert

Stand: 09.04.2019 00:28 Uhr

Ungeachtet heftiger Kritik aus den USA will die Türkei am Kauf russischer Waffensysteme festhalten. Das sagte Präsident Erdogan bei seinem Besuch in Moskau. Die Beziehung zu Putin ist ein Zweckbündnis - das die NATO-Partner ärgert.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Zum dritten Mal trafen Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan nun schon in diesem Jahr aufeinander. Und wieder nahmen sich die Präsidenten Russlands und der Türkei viel Zeit füreinander. Es sind zwei Männer, die - auch wenn sie sich so bezeichnen - wohl vorerst keine Freunde werden. Die beiden Präsidenten Russlands und der Türkei ziehen aber derzeit an einem Strang, weil sie gemeinsame Interessen haben. Es sind wirtschaftliche Interessen ebenso wie politische und geostrategische.

Während des Besuches Erdogans in Moskau würdigten sowohl er als auch Putin die gute Zusammenarbeit auf dem Energiesektor. Der Bau der Gaspipeline Turkish Stream, betonte der türkische Präsident, laufe nach Plan.

Strategische Zusammenarbeit im Energie-Sektor

Der russische Präsident lobte, dass die russisch-türkische Zusammenarbeit im Energie-Bereich mittlerweile strategischen Charakter habe. "Russland ist der größte Lieferant von Erdgas in die Türkei. Im vergangenen Jahr haben wir 24 Milliarden Kubikmeter exportiert", so Putin. "Das deckt fast die Hälfte des gesamten Bedarfs des Landes ab", so Putin. Die Inbetriebnahme der Pipeline werde die Gaslieferungen an die türkischen Verbraucher noch einmal befördern.

Und nicht nur das. Über die Leitung soll langfristig auch Gas nach Südosteuropa weitergeleitet werden. Für Moskau ist diese Route eine weitere Alternative zum Gastransit durch die Ukraine - und eine Möglichkeit, mehr politischen Einfluss in Ländern wie Bulgarien, Ungarn und Serbien geltend zu machen. 

Türkei re-orientiert sich weg von EU und NATO

Dass sich die Türkei von der Europäischen Union und der NATO im Stich gelassen fühlt und nun gen Russland orientiert, kommt dem Kreml auch auf einem anderen Gebiet zu Gute. Das NATO-Mitglied Türkei will russische Abwehrraketen anschaffen. Der Vertrag ist bereits unterzeichnet. Ihn auf Eis zu legen, kommt für den türkischen Präsidenten Erdogan trotz massiven Drucks der Amerikaner nicht in Frage. Das freut Putin und lässt ihn optimistisch in die Zukunft blicken.

"Auf der Tagesordnung stehen auch weitere vielversprechende Projekte", sagt Putin. "Dabei handelt es sich um Lieferungen aus modernster russischer Rüstungsproduktion." Es ist eine Ankündigung, die den Ärger der NATO über den Partner Türkei weiter anheizen dürfte.

Sorge um Kräfteverhältnisse im Nahen und Mittleren Osten

Die Annäherung zwischen der Türkei und Russland verstärkt aber auch die Sorge, dass sich im Nahen und Mittleren Osten die Kräfteverhältnisse verschieben könnten. Auch wenn sich Putin und Erdogan gerade mit Blick auf die Lage in Syrien in vielen Fragen nur vordergründig einig sind.

Das gilt auch für den gemeinsamen Kampf gegen Terroristen, den Erdogan gern vorantreiben würde. "Hier geht es sowohl um die Schritte, die wir bereits unternommen haben, als auch um Maßnahmen, die wir planen", sagt Erdogan. Gemeint ist ein erneutes militärisches Vorgehen gegen kurdische Kampfverbände in Syrien, die Erdogan mit Nachdruck als Terroristen bezeichnete.

Um die eigene Sicherheit zu gewährleisten schwebt der türkischen Führung die Errichtung einer Pufferzone auf syrischem Gebiet unter türkischer Kontrolle vor.

Russland gegen Pufferzone in Syrien

Bei der russischen Führung stoßen die Pläne zwar auf ein gewisses Verständnis, nicht aber auf Zustimmung. "Wir gehen davon aus, dass die Souveränität, die Unabhängigkeit und territoriale Integrität von Syrien gewahrt werden müssen", sagte Putin. "Es ist nicht hinnehmbar, das Land in Einflusszonen aufzuteilen.

Auch wenn heute die Gemeinsamkeiten heute immer wieder hervorgehoben wurden: beide Seiten haben in erster Linie ihre Interessen im Blick. Es ist und bleibt vorerst ein Zweckbündnis.

Das Zweckbündnis - Erdogan zu Gast in Moskau
Christina Nagel, ARD Moskau
08.04.2019 22:47 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 08. April 2019 um 22:15 Uhr.

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