Saeb Erekat | Bildquelle: dpa

Palästinensischer Ex-Chefunterhändler Saeb Erekat ist tot

Stand: 10.11.2020 13:19 Uhr

Er habe nur ein Ziel, sagte Saeb Erekat einmal: Er wolle Frieden schließen. Lange verhandelte er für die Palästinenser dafür. In Erfüllung ging sein Wunsch nicht. Nun ist er nach einer Corona-Infektion gestorben.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Vor knapp zwei Jahren empfing Saeb Erekat die ARD in seinem Büro in Ramallah. Jeden Tag laufe er sieben Kilometer, sagte der Palästinenser. Es gehe ihm gut. Damals erholte sich Erekat von einer Lungentransplantation. Das neue Organ und eine Operation in den USA hatten sein Leben gerettet.

"Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen", sagte er damals. Auf dem Weg in den Operationssaal habe er große Traurigkeit gefühlt. "Dass ich vielleicht gehen muss, ohne das zu erreichen, wonach ich mein Leben lang strebe. Ich habe nur eine Sache auf meiner Agenda: Ich möchte Frieden schließen."

Oslo-Abkommen mitverhandelt

Erekats Wunsch hat sich bis zu seinem Tod nicht erfüllt. Seit Jahren gibt es noch nicht einmal Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern. Verhandlungen, für die Erekat zuständig war. Ein Vierteljahrhundert arbeitete er als Chefunterhändler der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Er war außerdem enger Berater der palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat und Mahmud Abbas.

Erekat hatte Anfang der 1990er-Jahre die sogenannten Oslo-Abkommen mitverhandelt. Damals waren die Hoffnungen auf beiden Seiten groß. Doch bis heute gibt es keinen Frieden, kein Abkommen. Und keinen souveränen palästinensischen Staat. Erekat wurde in den letzten Jahren manchmal sehr energisch, hatte beinahe Wutausbrüche. Dass er gescheitert sei, wies er jedoch zurück.

"Ich bin nicht müde", sagte er einmal. "Ich bin nicht frustriert. Ich kenne die Fakten. Die Juden werden doch nach 5700 Jahren nicht auf einmal zum Islam oder zum Christentum konvertieren und zu Palästinensern werden. Wir wiederum werden nicht zum Judentum konvertieren und keine Israelis." Es gebe nur eine Option: "Zwei Staaten, die Seite an Seite in Sicherheit und Frieden bestehen. Leben und leben lassen. Wenn es keinen Frieden gibt, wird Blut fließen. Und das ist traurig."

Der inzwischen verstorbene ehemalige israelische Präsident Shimon Peres in einem Gespräch mit Saeb Erekat in Tel Aviv. (Archivbild) | Bildquelle: REUTERS
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Saeb Erekat setzte immer wieder auf Verhandlungen mit Israel - hier mit dem inzwischen verstorbenen ehemaligen israelischen Präsidenten Shimon Peres (links) 2005 in Tel Aviv.

Abneigung gegen Netanyahu

Erekat wurde 1955 in einem Vorort von Jerusalem geboren. Seine Familie gilt als einflussreich und vermögend. Er studierte in den USA und Großbritannien, weshalb er unter Präsident Arafat auch schon mal als Dolmetscher fungierte. Erekat war eines der bekanntesten Gesichter der Führung der Palästinenser. Er gab viele Interviews und unterhielt bis zuletzt auch enge Kontakte zu Teilen der israelischen Zivilgesellschaft.

Keinen Hehl machte er aus seiner Abneigung gegenüber Israels Premierminister Benjamin Netanyahu. Er vermisste Politiker wie Jitzhak Rabin, der den Oslo-Prozess mit angestoßen hatte und von einem israelischen Extremisten ermordet worden war. Für Rabin habe Israels Zukunft in 300 Jahren gezählt, sagte Erekat. Netanyahu interessiere sich nur für die Abendnachrichten.

Kritik an Erekat

Auch Erekat musste seinerseits Kritik einstecken. Für viele war er Teil einer Clique von älteren Palästinensern, die seit etwa 15 Jahren nicht mehr demokratisch gewählt wurden und die Macht nicht abgeben wollen. Andere warfen ihm vor, dass auch er Geldzahlungen an die Familien von palästinensischen Attentätern befürwortete. Vertreter von Israels politischer Rechten verwiesen in den letzten Tagen vor Erekats Tod darauf, dass der Mann für einen Boykott Israels eintrat und sich dann in einem israelischen Krankenhaus behandeln ließ. Viele nahmen Erekat in Schutz. Es sei die Verpflichtung Israels zu helfen, schrieben manche.

Erekat war ein Vertreter jener Generation von Palästinensern, die Hoffnung machten. Von zwei Staaten sprachen, die Seite an Seite nebeneinander existieren. Ein Hetzer gegen Israel - wie es von manchen in diesen Tagen dargestellt wird - war er nicht. Ob er glaube, dass seine Enkelkinder eines Tages in einem Staat Palästina leben würden, fragten wir ihn beim Interview in Ramallah. Seine Antwort: "Absolut."

Chefunterhändler der Palästinenser Saeb Erekat an Covid-19 gestorben
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
10.11.2020 11:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. November 2020 um 16:00 Uhr.

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