Bergung von Wrackteilen der "Estonia" im November 1994 | Bildquelle: AFP

Untergang der "Estonia" Für die Opfer und gegen die Ungewissheit

Stand: 28.09.2019 00:15 Uhr

Am 28. September 1994 sank die Ostseefähre "Estonia". Mehr als 850 Menschen starben. Heute wird der Toten gedacht und zugleich Aufklärung gefordert, denn der Grund für die Havarie ist weiter unklar.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Das Schlimmste ist, dass bis heute niemand sicher weiß, warum die "Estonia" unterging - nur ein paar Minuten nach diesem dramatischen Notruf: "Estonia, Estonia ... Mayday."

Fest steht, dass die Bugklappe nachts in schwerer See abgerissen und viel Wasser in kurzer Zeit ins Schiff eingedrungen war. Die "Estonia" bekam Schlagseite, kenterte und ging kurz danach unter. 852 Passagiere und Besatzungsmitglieder ertranken, nur 137 überlebten. Unter ihnen besonders viele junge Männer, aber auch die Schwedin Sara Hedrenius, damals 20 Jahre alt.

"Wir liefen auf die Außenseite des Rumpfes. Einer lachte, das sei ja wahnsinnig wie damals auf der Titanic. Wir anderen lachten auch, nur um in der nächsten Sekunde wieder von der furchtbaren Angst übermannt zu werden. Man pendelte hin und her zwischen Nicht-Glauben-Wollen und der Wirklichkeit."

Warum bin ich noch da?

Sara wurde gerettet und hatte, wie die meisten Überlebenden, lange Probleme, mit dem Erlebten und dem Überleben fertig zu werden. Warum bin ich noch da, warum mussten so viele andere sterben? Eine der vielen Fragen, auf die es keine Antwort gibt.

Sara arbeitet heute als Expertin für Krisenbewältigung beim Roten Kreuz, hilft also anderen Menschen, die Ähnliches mitgemacht haben. Das hat auch ihr geholfen, die Trauer zu bewältigen. Aber die Wut ist geblieben. Am schlimmsten findet sie, "dass man die Leichen nicht geborgen hat. Selbst in ärmsten Ländern macht man alles, um die Toten nach Hause zu holen. Das ist doch eine ganz menschliche Reaktion. Aber in Schweden hat man sich entschieden, das nicht zu tun. Obwohl wir es gekonnt hätten."

Konstruktionsfehler, schwache Bugklappe oder Sabotage?

Auch die Unglücksursache ist bis heute unbekannt. Es gab Untersuchungen und Prozesse, aber keine Erklärung und offiziell deshalb auch keine oder keinen Verantwortlichen. Stattdessen Theorien: Konstruktionsfehler, die Bugklappe sei zu schwach gewesen, vielleicht auch schlecht gewartet. Oder Sabotage, ein in den Rumpf gesprengtes Loch weit unter der Wasserlinie, illegale Militärtransporte an Bord, Spione.

Joko Alender aus Tallin hat damals ihren Vater verloren: "Es gibt noch immer Dokumente, sowohl in Estland als auch in Schweden, die nicht veröffentlicht sind. Solange das so ist, bleibt auch ein Verdacht. Ich glaube, die Menschen haben ein Recht darauf, alles zu erfahren."

Beschwerde von mehr als 1000 Überlebenden und Angehörigen

Noch ist der Meeresgrund um das Wrack aber Sperrgebiet, Tauchen verboten. Alle Ostseeanrainerstaaten, außer Deutschland, haben ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet. 

Doch jetzt befasst sich ein estnisches Gericht mit der Beschwerde von mehr als 1000 Überlebenden und Hinterbliebenen der Opfer. Sie wollen erreichen, dass die 1997 ohne Ergebnis eingestellte Untersuchung wieder aufgenommen wird. Peter Örn ist ein schwedischer "Estonia"-Experte. Im Fernsehsender TV4 gab er der Beschwerde eine Chance: "Es ist nicht unmöglich, dass sie zu neuen Tauchgängen zum Wrack führt, um alle Zweifel auszuräumen. Da wäre es ein natürlicher Schritt, auch sämtliche sterblichen Überreste Ertrunkener, die man dabei findet, zu bergen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 27. September 2019 um 21:45 Uhr.

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