Corona-Impfstoff WHO spricht sich für AstraZeneca aus

Stand: 10.02.2021 19:04 Uhr

Die Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca ist in vielen Ländern umstritten. Die WHO empfiehlt trotzdem: weiterimpfen, und zwar in allen Altersklassen. In Europa soll ein deutsches Unternehmen bei der Herstellung helfen.

Trotz Berichten über Schwächen des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca empfehlen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Experten den weiteren Einsatz. Zwar zeigten erste Studien aus Südafrika deutlich weniger Wirksamkeit, um relativ milde Krankheitssymptome zu verhindern, es gebe aber keine Hinweise darauf, dass der Impfstoff gegen schwere Verläufe von Covid-19 nicht schütze, sagte Alejandro Cravioto, der Vorsitzende eines Expertenrats, der die WHO berät.

Wirksamkeit auch gegen schwere Verläufe erwartet

Selbst dort, wo die Virusvariante vorkomme, gebe es deshalb keinen Grund, den Impfstoff nicht einzusetzen, sagte Cravioto. Die WHO schloss sich dieser Empfehlung an. Die WHO-Impfspezialistin Kate O'Brien sagte, es sei bei allen Impfstoffen üblich, dass die Wirksamkeit bei relativ milden Krankheitsverläufen weniger deutlich sei als bei schweren Verläufen. "Es ist plausibel zu erwarten, dass dieser Impfstoff gegen schwere Krankheitsverläufe wirksam ist", sagte sie. Zudem sei die für eine Immunantwort wichtige Reaktion der T-Zellen stark.

O'Brien betonte, dass alle Geimpften - unabhängig davon, welcher Stoff ihnen verabreicht worden sei - weiterhin alle Corona-Regeln umsetzen müssten, also auch Abstand halten und Maske tragen. Dies sei wichtig, weil man nach einer Impfung zwar selbst ein geringeres Risiko schwerer Krankheitsverläufe habe, andere aber wahrscheinlich weiter anstecken könne.

Einsatz für Ältere empfohlen

Die WHO-Experten empfehlen außerdem, den AstraZeneca-Impfstoff auch für Menschen über 65 Jahren einzusetzen. Es sei wahrscheinlich, dass der Wirkstoff des britisch-schwedischen Herstellers auch für diese Altersgruppe wirksam und sicher sei, teilten die Fachleute nach der Auswertung verschiedener Daten und Untersuchungen mit.

In Deutschland und mehreren anderen europäischen Ländern wird das mit der Universität Oxford entwickelte Vakzin nur für Menschen unter 65 Jahren empfohlen. Die zuständigen Aufsichtsbehörden verweisen darauf, dass belastbare Daten für die Wirksamkeit des Impfstoffs bei älteren Menschen fehlten.

Die WHO hat bislang nur dem Impfstoff von BioNTech und Pfizer eine Notfallzulassung erteilt. Das ist Voraussetzung für den Ankauf und Einsatz von Impfstoffen durch UN-Organisationen. Viele Länder, die keine eigenen Kapazitäten zur Beurteilung von Impfstoffen haben, nehmen dies als Grundlage für ihre eigene Entscheidung. In Europa ist die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) für die Prüfung zuständig. Sie berät die EU-Kommission, die über eine Zulassung entscheidet.

Kooperation mit Hersteller aus Sachsen-Anhalt

AstraZeneca sah sich zuletzt massiver Kritik ausgesetzt, weil das Unternehmen der EU vorerst nicht so viele Impfdosen liefert wie geplant. Nun will das Unternehmen die Herstellung des Impfstoffs beschleunigen und dabei eng mit der Firma IDT Biologika in Dessau zusammenarbeiten.

Beide Unternehmen hätten eine Absichtserklärung unterzeichnet, teilte AstraZeneca mit. In Dessau sollen zusätzliche Produktionsanlagen entstehen. Man prüfe Möglichkeiten, im zweiten Quartal die Auslieferung des Covid-19-Impfstoffs von AstraZeneca zu erhöhen, um den Bedarf in Europa decken zu helfen, erklärte der britisch-schwedische Hersteller. Zudem wollten beide Firmen "große zusätzliche Wirkstoff-Kapazitäten für die Zukunft"aufbauen.

Darüber hinaus würden beide Unternehmen in den IDT-Biologika-Standort in Dessau investieren, hieß es weiter. Dort sollten bis zu fünf 2000-Liter-Bioreaktoren entstehen, in denen eine zweistellige Millionenzahl von Impfdosen pro Monat produziert werden könne. Laut IDT Biologika würden Details zu der Zusammenarbeit in den kommenden Wochen festgelegt. Insgesamt werde IDT Biologika einen dreistelligen Millionenbetrag für die Kapazitätserweiterung aufwenden.

Zusammenarbeit mit anderen Herstellern möglich

Die neuen Anlagen sollen voraussichtlich Ende 2022 die Produktion voll aufnehmen. Sie könnten dann auch von anderen Firmen mit ähnlicher Impfstoff-Technologie genutzt werden, erklärte AstraZeneca. Ab dem zweiten Quartal dieses Jahres könnte womöglich mit der Abfüllung von ersten Dosen aus bestehenden Anlagen begonnen werden. Damit entstünde bei IDT Biologika eine der größten Impfstoffanlagen dieser Art in Europa. IDT arbeitete mit dem Pharmakonzern schon vorher zusammen und füllte vorübergehend erste Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs für den Marktstart ab.

Zuletzt hatte es Spekulationen gegeben, das Unternehmen könne für Russland den Impfstoff Sputnik V herstellen. IDT hatte daraufhin erklärt, mit verschiedenen Impfstoffherstellern in Verhandlung zu stehen, "um die große Herausforderung einer zuverlässigen Impfstoffbereitstellung gemeinsam zu meistern."

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn lobte die Zusammenarbeit als einen weiteren wichtigen Schritt für die Bundesrepublik. "Deutschland wird in dieser Pandemie immer mehr zu einem wichtigen Impfstoff-Hub", teilte der CDU-Politiker mit. "Das hilft uns in dieser Pandemie, ist aber auch eine Stärkung des Pharma-Standorts Deutschland für die 20er-Jahre."

Eigener Impfstoff geplant

IDT Biologika ist ein Auftragshersteller, der biopharmazeutische Unternehmen bei der Produktentwicklung, der Herstellung von klinischen Prüfmustern und der kommerziellen Herstellung ihrer Produkte unterstützt. Das Unternehmen gehörte mit seinem Vakzin neben den mRNA-Impfstoffherstellern BioNTech und CureVac zu den Projekten, die vom Bund im Herbst für ein rund 750 Millionen Euro schweres Sonderprogramm zur Beschleunigung der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs in Deutschland ausgewählt wurden. IDT sollte aus dem Programm rund 114 Millionen Euro erhalten.

Das Unternehmen musste zuletzt einen Rückschlag bei der Entwicklung seines eigenen Covid-19-Impfstoffs hinnehmen. Das Vakzin, das zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) entwickelt wird, war in einer ersten klinischen Prüfung nicht wirksam genug und IDT musste einräumen, dass sich die weitere Entwicklung verschiebt. Das Projekt soll aber weiter vorangetrieben werden.

Trotz Berichten über Schwächen – WHO empfiehlt Corona-Impfstoff von AstrazenecaKarl Dietrich
Dietrich Karl Mäurer,. ARD Zürich
10.02.2021 21:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Februar 2021 um 21:00 Uhr.

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