In Brüssels Haupteinkaufsstraße Rue Neuve gilt ein Ampelsystem: bei Rot ist das Personenaufkommen zu groß - wer shoppen will, muss sich gedulden. | Bildquelle: JULIEN WARNAND/EPA-EFE/Shutterst

Corona-Krise in Belgien Kehrtwende trotz "knuffelen" und shoppen

Stand: 14.12.2020 14:38 Uhr

Belgien hielt im Herbst den Rekord als EU-Land mit den höchsten Corona-Fallzahlen. Dann gelang die Kehrtwende - dank drastischer Auflagen, die bis zum Jahreswechsel gelten sollen.

Von Jakob Mayr, ARD-Studio Brüssel

Vor anderthalb Monaten verzeichnete Belgien die meisten Infektionen in der EU. Die 14-Tage-Inzidenz lag bei 1700 Fällen auf 100.000 Einwohner, in der französischsprachigen Wallonie im Süden des Landes sogar bei 2700 Fällen. Danach fiel die Kurve steil ab: Nach den jüngsten Zahlen der Johns Hopkins Universität liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in Belgien mit 141 unter der von Deutschland. Dafür haben sich die Belgierinnen und Belgier drastisch eingeschränkt.

Die politischen Entscheidungen fielen spät - die unterschiedlich besetzten Regionalregierungen des Landes tun sich schwer mit schnellen Beschlüssen. Aber Mitte Oktober war klar: So kann es nicht weitergehen. Die Krankenhäuser im Land drohten, an ihre Kapazitätsgrenzen zu kommen - vor allem, was die Zahl der Intensivbetten angeht.

Homeoffice-Pflicht und Recht auf "Knuffelcontacte"

Also wurden Restaurants, Cafés und Bars geschlossen. Mahlzeiten zum Mitnehmen anzubieten, blieb erlaubt. Zwischenzeitlich hatten auch die meisten Geschäfte zu. Seit Anfang des Monats haben die Läden wieder geöffnet, aber einkaufen geht nur alleine - und höchstens eine halbe Stunde lang. Es gilt eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 6 Uhr, die Polizei kontrolliert Passanten. Nur wer beruflich unterwegs ist und das auch nachweisen kann, kommt ohne Bußgeld davon.

In vielen Städten gilt eine Mundschutzpflicht im öffentlichen Raum. Homeoffice ist Pflicht. Die Schulferien wurden auf zwei Wochen verlängert. Danach wurden die Klassen von der achten Jahrgangsstufe an geteilt; im Wechsel lernen die Schüler zu Hause oder in der Schule. Entscheidend sind die Einschränkungen der persönlichen Kontakte: Familien dürfen nur einen engen Kontakt zu sich nach Hause einladen, weiterer Besuch ist verboten. Nur Alleinstehende durften außer dem einen Kontakt noch eine weitere Person einladen - die sogenannten "Knuffelcontacte" (knuffelen ist niederländisch für kuscheln). Im Freien dürfen sich bis zu vier Personen treffen, wenn sie den Sicherheitsabstand einhalten.

Strenge Regeln auch über Weihnachten

An diesen strengen Regeln will Belgien auch über die Feiertage festhalten. Es könnten also für viele Belgierinnen und Belgier tatsächlich stille Tage werden. Aber Politiker und Mediziner sehen keine Alternative - und die Zahlen geben ihnen Recht. "Studien aus Belgien und aus anderen Ländern zeigen, dass die Übertragung des Virus vor allem durch enge Kontakte zu Freunden und Familienmitgliedern erfolgt", sagt der Sprecher des nationalen Krisenzentrums Sciensano, Yves van Laethem. "Wie wir uns jetzt und während der Feiertage verhalten, entscheidet über die Entwicklung zu Jahresbeginn."

Mittlerweile sinken die Fallzahlen langsamer als vor einigen Wochen und sie befinden sich nach Ansicht der Fachleute immer noch auf einem zu hohen Niveau: In den vergangenen sieben Tagen wurden 2231 neue Corona-Fälle gemeldet, eine leichte Steigerung gegenüber der Vorwoche. Die Zahl der Todesfälle ist in der vergangenen Woche um fast ein Fünftel gesunken, insgesamt sind in Belgien bislang 17.951 Menschen an oder mit Corona gestorben. Die Zahl der Menschen, die stationär behandelt werden müssen, stagniert, die Zahl der Intensivpatienten ist deutlich zurückgegangen. Die Zahl der Corona-Fälle in Belgien insgesamt: 608.137.

In Brüssels Haupteinkaufsstraße Rue Neuve gilt ein Ampelsystem: bei Rot ist das Personenaufkommen zu groß - wer shoppen will, muss sich gedulden. | Bildquelle: JULIEN WARNAND/EPA-EFE/Shutterst
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In Brüssels Haupteinkaufsstraße Rue Neuve gilt ein Ampelsystem: bei Rot ist das Personenaufkommen zu groß - wer shoppen will, muss sich gedulden.

Unverständnis mit Blick auf Deutschland

Zu Beginn der Pandemie und auch noch im Sommer schaute Belgien ein bisschen neidisch auf Deutschland und auf seine vergleichsweise strengen Maßnahmen, die halfen, die Pandemie einzudämmen. Aber dass deutsche Politiker im Herbst über eine Lockerung der Corona-Regeln an Weihnachten diskutierten, stieß in Belgien auf Unverständnis. "Unsere Nachbarländer tun nicht das, was angebracht wäre", sagte Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke vor zwei Wochen.

"Wenn es etwas gibt, was das Virus mag, dann sind das Feste mit wechselnden Teilnehmern. Das müssen wir unbedingt vermeiden."

Die Medizinerin und Regierungsberaterin Erika Vlieghe verweist darauf, dass deutsche Ärzte über eine lange diskutierte Lockerung zum Jahresende sehr unglücklich seien. Sie sagt: "Was Belgien macht, ist streng, aber mutig und richtig". Auch der flämische Virologe Steven Van Gucht zeigte sich besorgt: "Da kommen möglicherweise Millionen Menschen zusammen, das könnte eine Bombe werden", warnte er. Van Guchts Ansicht: Lieber ein stilles Weihnachten, um den möglichen Anfang vom Ende der Pandemie zu Beginn des kommenden Jahres nicht zu gefährden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. November 2020 um 09:19 Uhr.

Korrespondent

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