Sputnik-Impfung in San Marino Trojanisches Pferd oder Retter in der Not?

Stand: 01.03.2021 21:06 Uhr

San Marino impft mit dem russischen Vakzin Sputnik V. Viele in dem europäischen Kleinstaat sehen in der Lieferung eine dringend benötigte Hilfe. Andere sind beunruhigt wegen der politischen Bedeutung.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Er ist da: Der Impfstoff, dem die Europäische Union die kalte Schulter zeigt, der in San Marino aber als Retter in der Not gefeiert wird. In der von der Covid-19-Pandemie besonders gebeutelten Mini-Republik im Norden Italiens hat die Impfkampagne begonnen - mit dem russischen Vakzin Sputnik. "Wir sind überzeugt davon, dass die Anwendung von Sputnik uns helfen wird, die Kurve der Infektionen zu senken, damit wir nach vielen Monaten endlich wieder Licht sehen", sagt Impfkampagnenchef Agostino Ceccarini.

Hilfe in der Covid-19-Bekämpfung ist in San Marino hochwillkommen. Der kleine Staat, zehn Kilometer von Rimini entfernt hat derzeit eine der höchsten Infektionsraten weltweit. Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 719 Neuinfektionen, hochgerechnet auf 100.000 Einwohner - rund zehnmal über dem Niveau in Deutschland.

San Marino von Corona besonders betroffen

Gelobt sei Sputnik in dieser Situation, sagt Alessandra Bruschi, Generaldirektorin des Gesundheitssystems in San Marino. "Die Impfkampagne, die wir jetzt mit diesem Impfstoff beginnen können, ist entscheidend dafür, dass wir aus diesem schwierigen Moment herauskommen." Schwierigkeiten, für die San Marino nach Ansicht von Experten mitverantwortlich ist: Als im Herbst das umliegende Italien Geschäfte, Bars und Restaurants schloss, um die Corona-Infektionswelle einzudämmen, ließ San Marino fast alles ungerührt weiterlaufen.

Jetzt ist nur in Tschechien die Infektionssituation noch schlimmer als in San Marino. In ihrer Not haben sich die Sanmarinesi auf ihre guten Kontakte nach Russland besonnen. Moskau hat schnell auf den Hilferuf reagiert und 7500 Impfdosen geliefert. Dies geschehe aber nicht aus reiner Nächstenliebe, warnt Russland-Experte Igor Pellicciari von der Universität Urbino: "Die Ankunft des Impfstoffs ist eine Art trojanisches Pferd. Sputnik kommt in einem westeuropäischen Staat an, während die Europäische Union mehr aus politischen als aus wissenschaftlichen Gründen den Impfstoff ablehnt. Wir sind hier ein wenig in der Symbolpolitik des Kalten Kriegs und der Geopolitik."

Welche Interessen hat Russland?

Nach Ungarn ist San Marino der erste westeuropäische Staat, der Ja sagt zu Sputnik. Zur Befürchtung, Russland könne mit der Impfstoff-Lieferung auch politische Interessen verfolgen, zucken sie in San Marino mit den Schultern. Die Verantwortliche für das Gesundheitssystem, Bruschi, sagt: "Wir sind das letzte Land in Europa, das jetzt seine Impfkampagne beginnen kann. Ohne den Sputnik-Impfstoff wäre das nicht möglich, er ist für uns fundamental. Das benachbarte Italien hat versprochenen Impfstoff wochenlang nicht geliefert."

Für Moskau dagegen, sagt Russland-Experte Pellicciari, sei der Sputnik-Impfstoff ein Instrument der Außenpolitik, mit dem internationale Freundschaften geknüpft oder aufgefrischt würden. San Marino hat bereits vor einigen Jahren für Aufsehen gesorgt, als der 34.000-Einwohner-Staat - in Abgrenzung zur Europäischen Union - Sanktionen gegen Moskau ablehnte.

Starke Symbolwirkung

Zum jetzigen Impfstoffdeal sagt Pellicciari: "Er hat eine starke symbolische Bedeutung, die vor allem auf die öffentliche Meinung in Russland selbst zielt. Nicht umsonst hat die Nachrichtenagentur Interfax San Marino als 31. Staat gefeiert, der den Impfstoff Sputnik nutzt. Eine Symbolwirkung, die dadurch verstärkt wird, dass San Marino mitten in Italien liegt, einem Staat der EU und der NATO" - wo die Lieferung aus Moskau in der Bevölkerung bereits zu Begehrlichkeiten geführt hat.

Das Institut für Soziale Sicherheit in San Marino berichtet, es habe in den vergangenen Tagen "eine Welle von Anrufen" von Italienern gegeben, die sich erkundigten, ob auch sie von Sputnik profitieren können. Die Antwort laute Nein, sagen die Verantwortlichen in San Marino, der Impfstoff sei ausschließlich für Bürger San Marinos vorgesehen.

Dass Moskau durch den Impfstoff-Deal auch wirtschaftlich-finanzielle Interessen verfolgt, glaubt Pellicciari nicht. San Marino habe sich zwar lange durch "kreative Finanzpolitik" ausgezeichnet. Bedeutende russische Aktivitäten im Wirtschafts- und Finanzbereich des Landes aber, sagt der Politik-Professor, gebe es nicht.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. März 2021 um 12:18 Uhr.

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