Experiment in der Schweiz Kunstschnee gegen das Gletschersterben

Stand: 20.02.2021 04:17 Uhr

Der Schweizer Morteratschgletscher verliert pro Jahr 15 Millionen Tonnen Eis. Ein Glaziologe will sein Schmelzen stoppen - mit "Schneiseilen", die ihn mit Schnee aus Schmelzwasser zudecken sollen.

Von Wolfgang Wanner, ARD-Studio Genf

Der Schweizer Glaziologe Felix Keller ist auf Rettungsmission. Hoch oben auf dem Morteratschgletscher auf 2600 Metern Höhe ist seine Messstation. Der Forscher hat eine ungewöhnliche Idee: Er will die Gletscherschmelze mit künstlicher Beschneiung stoppen. Denn Schnee sei der beste Eisschutz, so der Gletscherforscher.

Derzeit liegen etwa zweieinhalb Meter Schnee auf dem Eis. Viel zu wenig, um den Gletscher im Sommer vor der Schmelze zu schützen. Im Sommer ist vom Schnee, der das Eis schützt, nichts mehr da. Der Morteratschgletscher schmilzt rasant: Pro Jahr verliert er etwa 15 Millionen Tonnen Eis.

30.000 Tonnen Schnee pro Tag

Gewaltig ist auch Kellers Projekt: Eine gigantische Beschneiungsanlage will der Forscher in den Bergen installieren. Da sich der Gletscher bewegt, hätten Schneekanonen auf dem Boden keinen Sinn. Deshalb will er Hunderte von Schneedüsen an Seilen über den Gletscher spannen, sogenannte Schneiseile von etwa einem Kilometer Spannweite.

Eine Fläche von einem Quadratkilometer soll auf diese Weise beschneit werden. 30.000 Tonnen Schnee pro Tag soll die Anlage produzieren. Insgesamt müsste die Kunstschneedecke zehn bis zwölf Meter hoch sein, um das Verschwinden des Gletschers zu stoppen. "Das ist wirklich extrem", gibt Keller zu. "Aber das gibt uns einen Eindruck, was im Moment hier oben im Sommer abgeht."

Für die Schneeproduktion will Keller im Sommer das Schmelzwasser eines benachbarten Gletschers oben auf dem Berg auffangen. Derzeit bildet sich dort ein kleiner Gletschersee. Dieses Wasser soll dann für die Schneeproduktion im Winter verwendet werden. "Schmelzwasser-Recycling", sagt Keller dazu. Er ist überzeugt, dass das Schmelzwasser für die Kunstschneeproduktion ausreicht.

Der Schweizer Glaziologe Felix Keller. | Bildquelle: ARD Genf / Wolfgang Wanner
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Der Schweizer Glaziologe Felix Keller will wenigstens versuchen, den Gletscher zu retten.

Ein Prototyp ist schon gebaut

Unten im Tal, an der Diavolezza Talstation, nimmt Kellers Projekt Gestalt an. Ein 30 Meter langer Prototyp mit Schneedüsen am Seil ist aufgebaut - eine neuartige Kombination von Beschneiungs- und Seilbahntechnik. Auf dem Berg soll alles ohne Strom funktionieren. Die Anlage wird von der Schweizer Regierung mit rund zwei Millionen Schweizer Franken gefördert.

Noch sei vieles ungeklärt, meint Keller: "Wir wollen herausfinden mit welcher Düsengröße, mit welcher Strahlrichtung, mit welchem Luftdruck und welchen meteorologischen Bedingungen wir am effizientesten Schnee produzieren können."

Das Besondere an der Anlage: Anders als herkömmliche Beschneiungsanlagen soll diese bereits ab null Grad Kunstschnee produzieren. Deshalb ist diese Technik auch für Skigebiete interessant.

Aus einer der Düsen kommen feine Wassertröpfchen heraus, erklärt Claus Dangel, Geschäftsführer der Bächler Top Track AG, die die Schneiseile herstellt. Aus der anderen Düse sorgt eine Mischung aus Luftdruck und Wasser dafür, dass Schneekristalle entstehen. "Das sind eine Milliarde Schneekristalle pro Sekunde", erklärt Dangel. "Wenn die Schneekristalle mit den Wassertröpfchen zusammenkommen, dann fallen diese nach zehn Metern als Schnee zu Boden."

Gletscherbeschneiungsanlage | Bildquelle: ARD Genf / Wolfgang Wanner
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Die Beschneiungsanlage aus sogenannten Schneiseilen.

Kritik an landschaftlichen Eingriffen

Das Projekt ist umstritten. Kritik gibt es etwa am landschaftlichen Eingriff und wegen der enormen Kosten: Sie belaufen sich auf etwa 100 Millionen Schweizer Franken in den nächsten 30 Jahren, so lange ist das Projekt Gletscherrettung angelegt. Keller will nichts schönreden: Natürlich sei die Anlage ein Eingriff in die Bergwelt, sagt er, aber man könne die Schneiseile später auch wieder abbauen und dann die Landschaft in gutem Zustand zurücklassen.

Wenn alles funktioniert, will Keller die Technik zum Beispiel in der Himalaya-Region einsetzen. Denn dort seien die Menschen auf das Gletscherschmelzwasser angewiesen. Das Schmelzwasser ist dort die wichtigste Wasserquelle, etwa zum Bewässern der Felder. Wenn dort die Gletscher verschwänden, so Keller, wären etwa 200 Millionen Menschen existentiell gefährdet.

Mit seinem Gletscherrettungsprojekt will er ihnen eine Art Verschnaufpause geben im Kampf gegen den Klimawandel, bis es vielleicht andere Techniken oder Verfahren gibt, um die Menschen dort mit Wasser zu versorgen.

Keller plant bereits die nächste Testphase: auf dem Corvatsch, dann mit etwa 600 Meter langen Schneiseilen. Was ihn bei alldem antreibt? Wenn ihn seine Kinder später einmal fragen sollten, was er gegen den Gletscherschwund getan habe, dann möchte er ihnen sagen: "Ich habe wenigstens versucht, die Gletscher zu retten."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 17. Februar 2021 um 22:15 Uhr.

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