Flüchtlingslager Kara Tepe Ermittlungen nach Suizidversuch

Stand: 13.03.2021 15:44 Uhr

Eine hochschwangere Frau versucht, sich im Flüchtlingslager auf Lesbos in Brand zu stecken: Dieser Suizidversuch sorgte vor Wochen für Schlagzeilen. Die 26-Jährige überlebte, doch nun wird gegen sie ermittelt.

Von Ilanit Spinner, ARD-Studio Rom

Es war ein langer und kalter Winter im Flüchtlingslager Kara Tepe für die junge Familie aus Afghanistan. Keine Heizung, kein warmes Wasser - die Lebensbedingungen äußert schwierig. Momentan kümmert sich der Vater alleine um die drei kleinen Kinder. Seine Frau befindet sich im Krankenhaus der Inselhauptstadt Mytilini, hat gerade das vierte Kind zur Welt gebracht. Um nicht mehr zurück ins Lager zu müssen, war die 26-Jährige sogar bereit, zu sterben.

Seit 14 Monaten befindet sich die Familie aus Afghanistan nun schon in Griechenland. Erst kamen sie im Flüchtlingslager Moria unter, nach der Zerstörung des Camps im Herbst, wohnte das Ehepaar mit den drei kleinen Kindern im provisorischen Flüchtlingslager Kara Tepe. Die Familie war als schutzbedürftig anerkannt worden und sollte mit weiteren Flüchtlingen nach Deutschland ausgeflogen werden.

Doch dann erfuhr die 26-Jährige, dass sich die Ausreise aufgrund der bevorstehenden Geburt ihres vierten Kindes verzögern werde. Als man ihr sagte, dass sie nicht reisen könne, brachte die hochschwangere Frau ihre drei kleinen Kinder in Sicherheit und zündete sich dann in ihrem Zelt selbst an.

Alle Habseligkeiten der Familie gingen in Flammen auf. Das Feuer griff aber nicht auf andere Zelte über. Der Brand konnte rechtzeitig von Lagerbewohnern und der Feuerwehr gelöscht und die Schwangere gerettet werden. Mit schweren Brandverletzungen an Händen, Füßen und am Kopf kam sie ins Krankenhaus von Mytilini.

Enttäuschte Hoffnung

Ein Verzweiflungsakt, sagt sie heute. Inzwischen hat sie ihr viertes Kind gesund zur Welt gebracht und wird derzeit in der psychiatrischen Abteilung der Klinik behandelt. Die Aussicht auf einen Familienumzug nach Deutschland sei "der einzige Lichtblick" gewesen, erzählt die Frau am Telefon.

Sie habe gehofft, noch vor der Geburt auszureisen. Die unhygienischen Bedingungen im Lager seien für Schwangere und junge Mütter untragbar und sie habe lieber sterben wollen, als noch ein Kind ins Camp zu bringen, erklärte sie gegenüber der Staatsanwaltschaft. Denn die ermittelt nun wegen Brandstiftung und Beschädigung fremden Eigentums. Am 16. März soll entschieden werden, ob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Frau erhebt. 

Bis das juristische Verfahren geklärt ist, darf die Familie das Land nicht verlassen, sagt die griechische Anwältin Efthimia Doussi. Sie vertritt die Familie und hofft, dass sie bald nach Deutschland ausreisen dürfen. Auch wenn es der jungen Mutter etwas besser geht, befindet sie sich noch immer in einem schlechten psychischen Zustand. Die Anwältin fordert einen Freispruch sowie eine Aufhebung der Auflagen, damit die Familie nach Deutschland ausreisen kann.

Zustände im Flüchtlingslager Kara Tepe

Das provisorische Lager auf Lesbos mit rund 6500 Asylsuchenden wurde vergangenen Herbst errichtet, nachdem das überfüllte Lager Moria durch Brände zerstört worden war. Das Camp liegt auf einem ehemaligen Militärgelände direkt am Meer. Um die Essensversorgung im Lager kümmert sich das griechische Militär, denn seit dem Brand in Moria dürfen die Flüchtlinge nicht mehr kochen.

Bewohner und Hilfsorganisationen kritisieren seit Monaten die schlechten Bedingungen vor Ort: überflutete Zelte, kein Strom, kaum sanitäre Anlagen. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht, denn die griechischen Behörden verweigern Journalisten seit Monaten den Zutritt. Ärzte, Psychologen und Hilfsorganisationen warnen jedenfalls schon länger vor einer Zunahme an Depressionen, Suizidgedanken und anderen gesundheitlichen Problemen als Folge der Zustände in dem Lager.

Erste Flüchtlinge in Deutschland angekommen

Deutschland hatte nach dem Brand des Lagers Moria zugesagt, 1553 anerkannte Flüchtlinge aufzunehmen. Im Rahmen einer europäischen Hilfsaktion wurden zudem 243 kranke Kinder mit engen Familienangehörigen aus Griechenland nach Deutschland geholt. Später nahm die Bundesrepublik 150 unbegleitete Minderjährige auf.

Vergangenen Monat landete eine Maschine mit 26 Flüchtlingsfamilien in Hannover. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums waren 53 Erwachsene und 63 Kinder an Bord. Die EU-Kommission hat die finanzielle Unterstützung für die Überführung von Flüchtlingsfamilien aus Lesbos bis zum April dieses Jahres auf 30 Millionen Euro erhöht.

Die junge Frau wird in den nächsten Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Sie hofft, nicht wegen Brandstiftung verurteilt zu werden und so endlich mit ihrer Familie nach Deutschland ausreisen zu dürfen.

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Februar 2021 um 09:22 Uhr.

Korrespondentin

Ilanit Spinner | Bildquelle: BR/ Julia Müller Logo BR

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