Corona-Ausbruch in Europa Der Albtraum von Bergamo

Stand: 21.02.2021 04:18 Uhr

Vor einem Jahr begann in Bergamo Italiens Albtraum: Fast alle Einwohner haben Verwandte oder Freunde verloren. Die zweite Welle blieb bislang aus - und doch kennt die Stadt bis heute Corona-Not.

Von Ilanit Spinner, ARD-Studio Rom

Der Weg zurück in die Normalität war schwierig für Stefano Fusco. Sein Großvater war einer der ersten Corona-Toten in Bergamo - und er starb, wie so viele in der Region, ohne dass sich seine Familie von ihm verabschieden konnte. Das hinterlässt Spuren.

Stefano lebt in einem kleinen Dorf, 20 Minuten von der Stadt Bergamo entfernt. Normalerweise hört man hier alle zwei Tage einen Krankenwagen. Während des Lockdowns im vergangen März saß der 32-Jährige in seinem Garten und beschloss, alle Rettungswagen zu zählen. Bei 128 musste er aufhören, weil er nicht mehr konnte.

Schulen, Geschäfte und Cafés geöffnet

Ein Jahr ist seit jenen Wochen verstrichen, heute ist davon auf den ersten Blick nichts mehr zu spüren. Die Menschen gehen längst wieder raus, sitzen in Cafes und Restaurants. Schulen und Geschäfte haben offen. Diesmal ist die Stadt von der zweiten Corona-Welle weitestgehend verschont geblieben.

Ein Konvoi italienischer Armeelastwagen wird bei der Ankunft aus Bergamo entladen und bringt Leichen von Coronavirus-Opfern auf den Friedhof von Ferrara, Italien, wo sie eingeäschert werden.
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Bergamo vor einem Jahr: Ein Konvoi italienischer Armeelastwagen wird bei der Ankunft aus Bergamo entladen und bringt Leichen von Coronavirus-Opfern auf den Friedhof von Ferrara, Italien, wo sie eingeäschert werden.

Während das Krankenhaus Giovanni XXIII das Epizentrum der Pandemie im vergangen Jahr war, sieht es heute ganz anders aus: Zehnmal weniger Tote, zehnmal weniger Patienten hat das Krankenhaus zu beklagen. Der Leiter der Notfallstation, Dr. Luca Lorini vermutet, dass die Menschen in Bergamo inzwischen eine Art natürlichen Impfschutz haben.

"Viele der Bürger, die im März Antikörper im Blut hatten, wurden im Dezember noch einmal getestet und hatten die Antikörper acht Monate später immer noch. Von diesen Menschen hat sich so gut wie niemand ein zweites Mal angesteckt", erklärt er. "Dafür gibt es keine andere medizinische Erklärung."

Sorge vor Mutationen - und Armut

Nach der ersten Welle ließ die Gesundheitsbehörde der Stadt großflächige Bluttests durchführen. Diese zeigten, wer bereits mit dem Virus infiziert war. Mehr als 40 Prozent der Getesteten wiesen Antikörper gegen SARS-CoV-2 auf. Dass sich in Bergamo deutlich weniger Menschen infiziert haben, während andernorts eine zweite Ansteckungswelle rollte, könnte also ein Indiz zumindest für eine teilweise Herdenimmunität sein. Zweifelsfrei bewiesen ist es bisher aber nicht.

Carlo Tersalvi, der medizinische Direktor der Gesundheitsbehörde von Bergamo, beobachtet das Phänomen mit Vorsicht. "Wir können nicht mit Sicherheit sagen: Wir haben eine Herdenimmunität. Aber wir sehen, die zweite Welle war bei uns klar schwächer als in anderen Provinzen. Nun müssen wir aber auch auf die Mutationen schauen, die gerade im Umlauf sind, denn die können das Virus und die Situation hier komplett verändern", gibt er zu bedenken. "Außerdem weiß niemand wie lange die Antikörper vor einer zweiten Ansteckung schützen."

Und ein weiteres Problem beschäftigt die Bürger von Bergamo: Wie überall im Land hat auch hier die Armut zugenommen. Mehr als 500.000 Beschäftigte in Italien haben bisher ihre Arbeit verloren. Und es werden wohl noch einmal so viele dazukommen.

Besonders betroffen sind laut Caritas Familien mit Kindern, Frauen und junge Menschen. In einer kirchlichen Einrichtung am Ortseingang von Bergamo kochen Ehrenamtliche jeden Tag für Hilfsbedürftige und bereiten Essenpakete vor. Früher kamen vor allem Flüchtlinge, doch das hat sich geändert: Inzwischen sind hier viele Einheimische - fast doppelt so viele wie vor Corona. Für einige ist es die einzig richtige Mahlzeit des Tages. 

rgamo Wir klagen an Noi Denunceremo Lombardei Corona | Bildquelle: AFP
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Angehörige der Gruppe "Noi Denunceremo" (Wir klagen an) vor dem Justizgebäude in Bergamo.

Der Lockdown kam viel zu spät, beklagen viele

Damit, dass es hier überhaupt so weit gekommen ist, will sich Stefano Fusco nicht abfinden. Er hat nach dem Tod seines Großvaters die Organisation "Noi denunceremo" - "Wir klagen an" - gegründet. Tausende Menschen haben sich ihm angeschlossen. Für sie steht fest: Der Lockdown in Bergamo kam viel zu spät. Während andere Ortschaften in der Region längst abgeriegelt waren, lief das Leben hier einfach weiter.  250 Beschwerden über das Versagen der Behörden sind bei der Staatsanwaltschaft eingereicht worden.

Fusco hofft damit etwas zu verändern: "Die Wut ist da, aber es ist eine Wut, die wir in etwas Konstruktives verwandeln wollen", sagt er. "Und dann ist da auch immer noch die Hoffnung, dass gewisse Dinge, die wir gesehen haben und mit den wir heute immer noch leben müssen, nicht wieder geschehen."

Mit seinen Erlebnissen hat Fusco umzugehen gelernt. Vereinzelt hängen an den Balkonen in seiner Nachbarschaft noch Botschaften von damals - doch nun will er nach vorne schauen und hofft auf einen Neuanfang ein Jahr nach der Corona-Katastrophe.

Diese und weitere Reportagen zeigt das "Europamagazin" am Sonntag, 12:45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im Europamagazin am 21. Februar 2021 um 12:45 Uhr.

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