Energiewende in Italien Das bisschen Landschaft?

Stand: 12.04.2021 12:41 Uhr

Italien hat ehrgeizige Energiewende-Ziele. Dazu will es die Sonnenenergie ausbauen - doch die großen Solarpanel brauchen viel Land. In der Toskana bringt das ausgerechnet Öko-Aktivisten in Rage.

Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom, zurzeit Manciano

Das Lavendelfeld auf der Anhöhe in der Toskana leuchtet in kräftigem Violett, daneben glänzen in der Mittagssonne Oliven- und Pinienbäume, dazwischen ein paar Kakteen. Luigi Scognamiglio steht in seinem Natursteinhaus und deutet Richtung Süden. Hügel und Täler sind dort zu sehen, erahnen lässt sich das Meer an der Küste. "Schauen Sie sich um", schwärmt er. "Es reicht, das hier zu sehen. Es ist ein sehr typischer Ort für die mediterrane Vegetation" - sagt er mit Blick auf die große Artenvielfalt.

Eine Natur, die Scognamiglio und seine Mitstreiter der Bürgerinitiative Pro Montauto gefährdet sehen - durch Sonnenenergie. Genauer durch eine Photovoltaik-Anlage, die das spanische Energieunternehmen Iberdrola unterhalb von Manciano am südlichen Rand der Toskana errichten will, unweit des Ortsteils Monauto.

Mit mehr als 110 Hektar, was den Ausmaßen von 110 Fußballfeldern entspricht, würde die Photovoltaik-Anlage die bislang größte in dieser Region, sichtbar von allen Hügeln der Umgebung aus. Umweltfreundliche Energieproduktion verspricht das Unternehmen.

Zwei Ressourcen in Konkurrenz

Das Ganze sei vielleicht sauber, aber auch hässlich, kontert Scognamiglio, der als Produzent von Bio-Kosmetik selbst Öko-Unternehmer ist:

"Wir sind überhaupt nicht dagegen, dass wir auch hier in Italien für eine Klimawende auf Sonnenenergie setzen. Wir sind aber gegen maßlose Lösungen mit gigantischem Bodenverbrauch, die uns der großen Ressource beraubt, die wir hier haben - der unbeschädigten Natur."

Scognamiglios Bürgerinitiative hat unter anderem bei der Region Toskana Alarm geschlagen. Diese hat den Antrag auf Bau der Mega-Sonnenenergie-Anlage zunächst einmal abgelehnt.

Aber Italien befindet sich bei diesem Thema im Zwiespalt. Denn nach den europäischen Vereinbarungen für 2030 muss das Land seine Produktion aus erneuerbaren Energien fast verdoppeln, innerhalb der nächsten neun Jahre. Eine Energiewende als Kraftakt, sagt Massimo Dentice d’Accadìa, Professor für Energietechnik an der Universität Neapel - ein Kraftakt, bei dem die Sonnenenergie eine zentrale Rolle spielen soll. Hier gebe es noch viele Möglichkeiten, die Regierung setze aber vor allem auf einen Ausbau im Solarbereich.

Aufschließen mit Deutschland

Zurzeit produziert das nicht sonnenverwöhnte Deutschland fast doppelt so viel Solarenergie wie das Sonnenland Italien. Bis 2030 will Rom aufgeholt haben. Ohne Großanlagen sei dieses Ziel nicht machbar, betont Dentice d’Accadìa, derart ehrgeizig seien die Ziele. Allerdings empfiehlt auch der Energietechnik-Professor riesige Solaranlagen eher in Industriegebieten zu errichten und nicht in Gegenden, in denen Tourismus und schützenswerte Natur eine Rolle spielen.

Vor dem obersten italienischen Gericht läuft derzeit ein Verfahren, in dem geprüft wird, ob die Region Toskana die Kompetenz hat, den Bau von Solargroßanlagen zu stoppen. Das Unternehmen äußerte sich trotz mehrfacher Anfragen per Telefon und Mail nicht zu dem Fall.

Im schriftlichen Antrag an die Region hatte das Energieunternehmen Iberdrola unter anderem argumentiert, auf der geplanten Fläche befinde sich nichts, was besonders schützenswert sei oder unter Naturschutz stehe.

Bürgerinitiativen-Sprecher Scognamiglio schüttelt den Kopf und entgegnet, mit dieser Einschätzung sei er nicht einverstanden. "Es ist eine Gegend, die Ursprünglichkeit und Artenvielfalt erhalten hat. Das 'Nichts' ist in diesem Fall etwas Wunderbares, das es zu erhalten gilt."

Reportage Toskana: Ökofreunde gegen Öko-Sonnenenergie
Jörg Seisselberg, ARD Rom
09.04.2021 15:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. April 2021 um 11:42 Uhr.

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