Deutsche wieder auf Mallorca Eine widersprüchliche Angelegenheit

Stand: 21.03.2021 11:58 Uhr

Eurowings fliegt bereits - auch TUI hebt wieder nach Mallorca ab. Die Deutschen sind zurück auf ihrer Lieblingsinsel. Für den Tourismus ist es eine Lichtblick in der Tristesse. Doch die Corona-Angst bleibt.

 Von Stefan Schaaf, ARD-Studio Madrid, zzt. Palma de Mallorca

Der Sound von Mallorca ist wieder da - am Flughafen von Palma knattern die Rollkoffer in Scharen über den Asphalt. Fast im Stundentakt landen Flugzeuge aus Deutschland, und ihre Insassen, vornehmlich deutsche Touristen, nehmen ihre Lieblingsinsel in Besitz. Die Bundesregierung hatte die Reisewarnung für die Balearen vor einer Woche wegen niedriger Inzidenz-Werte von etwa 22 pro 100.000 Einwohner aufgehoben. Seitdem steigen die Buchungen sprunghaft an.

Zwischen Schuldgefühlen, Trotz und Freude

Doch die lärmenden Koffer auf Rädern sind nicht die einzige Fracht, die die Urlauber aus Alemania mitbringen - manche haben auch jede Menge Schuldgefühle im Gepäck. Denn die Bundesregierung warnt unablässig vor nicht notwendigen Reisen ins Ausland. Einige Ministerpräsidenten fordern eine Testpflicht bei Rückkehr aus Mallorca. Und letzte Umfragen ergeben, dass die Mehrheit der Bundesbürger Reisen auf die Insel für unverantwortlich hält.

Und so ist es nicht ganz einfach, mit den Ankömmlingen aus Deutschland am Flughafen ins Gespräch zu kommen. Grob gesagt, unterteilen sie sich in zwei Gruppen. Die erste Gruppe will, vor allem wenn sie eine Kamera sehen, überhaupt nicht reden. Ihre Anwesenheit auf Mallorca öffentlich zu machen, ist ihnen peinlich. Sie wollen auf keinen Fall, dass Freunde oder Verwandte in der Heimat davon erfahren.

"Brauchen ein Stück Freiheit zurück“

Die zweite Gruppe allerdings will sich erklären und sieht ihre Reise durchaus auch als trotziges Statement. "Ich bin sehr froh, mal woanders zu sein, man will doch nur noch raus" sagt uns etwa Petra, die mit einer Freundin unterwegs ist. "Ich finde, es wurde uns viel genommen wegen Corona und deswegen brauchen wir ein Stück Freiheit zurück." 

Und eine ältere Dame, Carmen aus Berlin, hat eine energische Antwort auf die Frage parat, warum man denn die Reisewarnung der Bundesregierung ignoriere: "Warum sollen wir nicht hierhin reisen? Das ist doch meine Lebenszeit. Und die möchte ich mir nicht von einer Regierung nehmen lassen, die so unglaubwürdig ihre Konzepte an die Bevölkerung verkaufen will." Die vergangenen Wochen und Monate haben Spuren hinterlassen.

Touristen aus Deutschland in Palma de Mallorca | Bildquelle: REUTERS
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Zurück auf der Lieblingsinsel: Touristen aus Deutschland in Palma de Mallorca.

Freiheit unter Palmen sieht anders aus

Doch Corona begleitet die Urlauber auch auf Mallorca. Draußen gilt strenge Maskenpflicht, viele Geschäfte bleiben zu. Cafés und Restaurants müssen um 17 Uhr schließen. Und es gibt eine Ausgangssperre ab 22 Uhr. Die große Freiheit unter Palmen sieht anders aus, ein zweites Ischgl droht nicht unbedingt. Den verantwortlichen Behörden auf den Balearen ist die überraschend schnelle Reisemöglichkeit für Deutsche, die womöglich auch mit sanftem Druck großer deutscher Reiseveranstalter zustande kam, nicht ganz geheuer. Sie wollen das Infektionsgeschehen unter Kontrolle halten und machen nur vorsichtig auf.

Maximal 100 Hotels sind offen

Rund 1000 Hotels gibt es auf Mallorca, davon werden über Ostern maximal 100 geöffnet sein. Bei der Hotelkette Riu wird in mehreren Anlagen an der Playa de Palma gerade intensiv geputzt und gewienert - zum Beginn der Osterferien in einer Woche sollen zwei weitere Großhotels geöffnet werden. 

Eines ist bereits offen und schon voll belegt. Direktorin Tina Ferrer fühlt sich, als feiere sie gerade Ostern und Weihnachten zusammen. Ihre Angestellten können zur Arbeit zurückkehren - ein Lichtblick in der Tristesse der vergangenen Monate. Doch es bleibt immer die Angst vor einem Rückfall. "Klar freuen wir uns, aber gleichzeitig müssen wir sehr vorsichtig sein. Wenn wir jetzt nicht alle Hygiene-Maßnahmen strikt befolgen, gefährden wir doch den Sommer."

EIn geschlosenes Hotel in Cala Dor auf Mallorca | Bildquelle: REUTERS
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"SOS tourism": Ein geschlossenes Hotel in Cala Dor auf Mallorca.

Stark steigende Infektionen nach Ostern, ein dann drohender erneuter Lockdown und eine gefährdete Sommersaison - so sieht in etwa die Horrorvision der Verantwortlichen auf den Balearen aus. Finn Ackermann, Vertriebsleiter bei der spanischen Iberostar-Kette, sieht das gelassen und verweist auf eine Studie des Robert Koch-Instituts. Pauschaltouristen seien demnach keine Pandemietreiber. "Sie kommen mit den Einheimischen ja kaum in Kontakt."

Festland-Spanier dürfen nicht kommen

Aber es führt kein Weg daran vorbei: Der Osterurlaub auf Mallorca ist längst ein Politikum. In Deutschland wird darum heftig gestritten, in Spanien aber auch. Denn über Ostern darf kein Festland-Spanier seine Region verlassen - so soll ein Anstieg der Infektionen verhindert werden. Madrilenen also dürfen nicht nach Mallorca reisen, Deutsche dagegen schon. Pikant - und auf der iberischen Halbinsel alles andere als populär.  

Das sei eine Entscheidung der Zentralregierung gewesen und deshalb nicht ihr Problem, winkt die Präsidentin des Inselrates, Catalina Cladera, ab. Wir stehen in einem prächtigen Saal des neogotischen Regierungssitzes in Palma. Die Politikerin betont noch einmal, wie ökonomisch wichtig die Rückkehr der Touristen für Mallorca sei. "Unser Bruttoinlandsprodukt ist um 25 Prozent zurückgegangen, das sind schlimme Daten - sie bedeuten Arbeitslosigkeit, Armut, eine große Tristesse."  Deswegen ist sie froh, dass die Touristen aus Deutschland wiederkommen können.

Angesichts der Verheerungen, die die Pandemie wirtschaftlich auf der Insel angerichtet hat, mag man ihr nicht widersprechen. Doch Urlaub in Zeiten von Corona bleibt eine widersprüchliche Angelegenheit. Und er gleicht, bei der Sprunghaftigkeit des Virus, immer noch einem Roulette-Spiel.  

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. März 2021 um 11:00 Uhr.

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