Draghi seit zwei Monaten im Amt Selten zu sehen, deutlich im Ton

Stand: 10.04.2021 13:52 Uhr

Italiens neuer Ministerpräsident Draghi war in der Öffentlichkeit bislang selten zu sehen. Wenn er allerdings etwas Wichtiges zu sagen hat, nimmt er kein Blatt vor den Mund.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Wo ist Mario Draghi? Das haben sich in den vergangenen Wochen viele in Italien gefragt. In der Öffentlichkeit war der neue Ministerpräsident selten zu sehen. So selten, dass in Rom der Witz umging, irgendwann werde im Regierungssitz das Licht ausgehen und auf dem Schreibtisch ein Zettel liegen: "Arbeit erledigt, Gruß Mario Draghi."

Der ehemalige EZB-Chef mied seit seiner Wahl zum Regierungschef vor knapp zwei Monaten Fernsehkameras, hat lediglich ein paar Mal im Parlament geredet, zwei Videobotschaften versendet, kein Interview gegeben, sich nur in zwei Pflicht-Pressekonferenzen gestellt. Sein Vorgänger Giuseppe Conte war dagegen zeitweise wöchentlich mit Ansprachen im Fernsehen zu sehen.

Draghi kommuniziert Entscheidungen der Regierung vorzugsweise schriftlich per Pressemitteilung. Ein Politikstil aus einer anderen Zeit. Die Verwunderung war groß, als der vermeintliche Arbeitseremit die Medien diese Woche in den Palazzo Chigi ließ und zu einem relativ lockeren Dialog einlud, der live im Fernsehen übertragen wurde.

Draghi traut sich was

"Also, diese vergangenen Wochen waren voll mit erledigten Dingen und relativ wenig Möglichkeiten, sich zu treffen", sagte Draghi. "Daher würde ich sagen, dass ich wenig vorab rede, auch weil Sie die erledigten Dinge ja schon in den Zeitungen nachlesen konnten. Ich möchte auf Ihre Fragen antworten und bin hier, um mit Ihnen zusammen zu sein."

Die Italienerinnen und Italiener haben seitdem eine etwas genauere Vorstellung, mit wem sie es jetzt zu tun haben. Mit einem Ministerpräsidenten, der sich zum Beispiel außenpolitisch mal eine Ansage traut, wie sie nun auch in der Türkei wissen. Und der nicht als spröder Verwalter daherkommt, sondern Führung wagen möchte und seine Landsleute rüffelt, wenn er es für notwendig hält. Zum Beispiel beim Aufregerthema Impfstatistik, die in Italien ausweist, dass zwei Millionen Menschen außerhalb der Prioritätenliste geimpft wurden. Für Draghi Anlass genug, von seinem üblicherweise freundlich-zurückhaltenden Tonfall abzuweichen.

Rüge ans Volk

"Mit welchem Gewissen drängelt sich jemand vor, der jung ist oder auf jeden Fall nicht auf der Liste steht, und lässt sich dann impfen?", fragt Draghi. "Wissend, dass er damit einen Menschen Risiken aussetzt, der älter ist als 75 Jahre und bei einer Infektion ein konkretes Sterberisiko hat." Ein Ministerpräsident, der an Bürgersinn appelliert - das gab es in Italien bislang selten und darf sich angesichts der allgemeinen Politikverdrossenheit vielleicht auch nur ein Quereinsteiger erlauben.

Draghi macht in diesen Tagen ebenfalls deutlich, dass er sich von den Parteien seiner Koalition nicht bevormunden lassen will. Dem Drängeln Matteo Salvinis - dem Führer der rechten Lega - nach einer schnellen Lockerung der Corona-Beschränkungen erteilte Draghi kühl und klar eine Absage. Botschaft: Über Öffnungen entscheidet die Entwicklung der Infektionszahlen, nicht der Druck der Koalitionspartner.

Im Amt angekommen

Draghi, der Macher - auch bei seinen Ansagen für künftig mehr Digitalisierung und weniger Bürokratie. Eher charmant versuchte es Draghi beim italienischen Herzensthema Alitalia, der hochverschuldeten Airline, um deren Neustart unter möglicherweise verändertem Markennamen die Regierung gerade kämpft:

"Glaubt mir, die Vorstellung, dass sie bald nicht mehr Alitalia heißen wird, schmerzt auch mich sehr. Gerade für einen in meinem Alter, der viel mit der Alitalia geflogen ist, ist sie wie ein Teil der Familie. Okay, Familie, die ziemlich teuer war, aber Familie", scherzt Draghi.

Der Eindruck am Ende dieser Woche: Das Phantom Draghi ist nach zwei Monaten im Amt angekommen.

Das Phantom Draghi ist im Amt angekommen
Jörg Seisselberg, ARD Rom
10.04.2021 12:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. April 2021 um 06:44 Uhr.

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