Zwei Jahre nach dem Brand Wie weit ist der Wiederaufbau von Notre-Dame?

Stand: 15.04.2021 02:14 Uhr

Die Pariser Kirche Notre-Dame wäre vor zwei Jahren von einem Brand beinahe vernichtet worden. Präsident Macron versprach damals, sie bis 2024 wieder aufbauen zu lassen. Wie weit ist das Projekt?

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Notre-Dame - zwei Jahre danach. Auf dem Vorplatz scheuchen Kinder Tauben auf, und Fatia hat sich auf die kleine Steinmauer rund um die Grünanlage gesetzt. Die kräftige Dame schaut versonnen auf die Fassade der Kathedrale und erinnert sich.

"Das war ein schmerzhafter Moment. Es ist doch ein Ort, den man immer wieder besucht. Etwas Authentisches. Ich mag die Kathedrale sehr. Wenn ich hier bin, geht es mir gut. Ich hoffe, sie wird auferstehen, damit sie immer ein Symbol von Paris bleibt."

Ein Stück weiter kritzelt ein junger Mann eifrig mit seinem Kuli in einen Block. Jerôme studiert Journalistik, und zur Übung soll er gleich live für das Uniradio berichten.

"Ich werde sagen, dass ich vor der Fassade stehe und mir der riesige Kran an der rechten Seite auffällt. Sein Arm schwebt dort, wo vor zwei Jahren der Spitzturm eingestürzt ist. Damals habe ich gerade zuhause gekocht und den Fernseher für die 20-Uhr-Nachrichten früher eingeschaltet. Und dann live all die Flammen. Unglaublich!" 

Rekonstruktion im Eiltempo

Heute sind die Chorfenster Notre-Dames mit Folien wie mit Riesenpflastern zugeklebt. Seitentürme tragen Schutznetze, übergestülpt wie Halmahütchen. Unten interessiert sich eine junge Frau für die Fotoschau auf dem weißen Bauzaun, die Notre-Dames Schicksal zeigt. Nicole ist Argentinierin, Stewardess und für drei Tage in Paris.

"Notre-Dame - wundervoll. Ich habe sie noch nie vorher gesehen, und jetzt bin ich hier. Ich kann es nicht glauben! Schade, dass es hier gebrannt hat. Aber ich hoffe, der Wiederaufbau gelingt. So viele Emotionen! Ich bin glücklich, sie zu sehen."

Schon kurz nach dem Brand hat Frankreichs Präsident die Rekonstruktion im Eiltempo angekündigt. Und damit Ex-Generalstabschef Jean-Louis Georgelin beauftragt.

"Notre-Dame interessiert nicht nur Paris, sondern ganz Frankreich. Ja, die ganze Welt wacht über den Wiederaufbau und steht uns bei."

Flammen und Rauch steigen im April 2019 aus der Kathedrale Notre Dame auf (Archivbild). | Bildquelle: dpa
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Flammen und Rauch steigen im April 2019 aus der Kathedrale Notre Dame auf (Archivbild).

"Ein Privileg, hier arbeiten zu dürfen"

Nach dem Feuer herrschte Einsturzgefahr. Dann begann das große Aufräumen. Das französische Fernsehen nimmt einen mit ins Innere der Kathedrale. Wegen des Bleistaubs tragen Kletterer wie Ferdinand dort bis heute weiße Schutzanzüge, vor Verlassen der Baustelle müssen sie duschen.

"Es ist ein Privileg, ich hab Glück, hier arbeiten zu dürfen. Wir saugen mit Gummischläuchen Schutt und Staub weg, dürfen uns dabei aber nicht auf die empfindlichen Gewölbe stützen."

Die werden gerade in fast 30 Metern Höhe von unten abgestützt. Noch nicht einmal zehn von rund 60 Gewölben sind gesichert. Die über 40.000 geschmolzenen Gerüstteile - denn schon vor dem Brand wurde die Kathedrale saniert - sind indes fertig abgebaut. Sie drohten bei einem Absturz die Kathedrale zu zertrümmern. Mehdi baut weiter an einem neuen Gerüst.

"Ich verkeile das, schlage mit dem Hammer nochmal drauf. Das hält. Ich baue Gerüstteile passgenau auf dem Boden zusammen, damit meine Kollegen oben keine Probleme kriegen."

800 Millionen Euro Spendengelder

Geologen suchen in den Steinbrüchen um Paris bereits Material für den Neuaufbau, und Forstleute in ganz Frankreich haben 1000 Eichen für Notre-Dame gefällt. Sie trocknen derzeit. Wie die Farben, die Restauratorin Marie Parant freigelegt hat, in bislang zwei der 24 Kapellen.

"Am Schwierigsten war es, den Schmutz unter dem Bleistaub zu entfernen. Zumindest hat diese Schicht aber die Wandbilder vor dem Blei geschützt."

Auf dem Vorplatz schaut sich indes eine adrette ältere Dame Bauzeichnungen an. Marie-Hélène ist Zeichenlehrerin und entpuppt sich als eine von 340.000 Spendern und Spenderinnen. Von den über 800 Millionen eingegangenen Euro hat allein die Sicherung 165 Millionen verschlungen.

"Ich bin damals schnell hergekommen, war wie gebannt, konnte mich kaum bewegen. Aber da war auch diese Kraft, die uns alle vereint hat. Ich habe noch am selben Abend Geld gespendet und bin nun sehr froh, dass Notre-Dame so rekonstruiert wird, wie wir sie kannten und keine hängenden Gärten dazu erfunden werden."

Öffnungstermin zu den Olympischen Spielen 2024

Ein paar Meter weiter fotografiert Natalie, eine schicke Pariserin, die Baustelle per Handy.

"Die Arbeiter hier mit ihren goldenen Händen retten unser kulturelles Erbe. Um ihnen zu danken, schaue ich regelmäßig vorbei. Die Baustelle ist auch ein Symbol der Rückkehr zu einem besseren Leben. Früher haben hier chinesische Touristen Hochzeitsfotos gemacht. Jetzt ist keiner da. Paris ist derzeit wirklich traurig."

Vor dem Brand und Corona kamen jährlich rund 20 Millionen Besucher. Chefarchitekt Philippe Villeneuve will den präsidialen Öffnungstermin zu den Olympischen Spielen 2024 halten.

"Die Kathedrale wird dann für Messen und Besucher geöffnet. Sie wird wieder Dach, Gewölbe und Spitzturm haben. Also alles, was sie durch den Brand verloren hat. Aber auch über 2024 hinaus bleibt viel zu restaurieren, die Rosetten etwa, das war schon vor dem Brand geplant."

"Die Kathedrale ist quasi zu 100 Prozent gerettet"

Dem Moment der Wiedereröffnung fiebert der verantwortliche Priester von Notre-Dame, Patrick Chauvet, besonders entgegen.

"Die Kathedrale ist mein Leben. Wenn Sie die fürchterliche Erfahrung machen, dass sie brennt, tatenlos zusehen müssen, denn ich bin ja kein Feuerwehrmann, dann reißt Ihnen das Ihr Herz, Ihre Seele, heraus. Sie fragen Gott: Warum? Sie haben keine Antwort und weinen. Jetzt aber bin ich in der Phase der Hoffnung. Ich gehe in die Kathedrale, sehe die Fortschritte. Zwei Jahre lang wurde sie gesichert, der eigentliche Wiederaufbau beginnt erst in einigen Monaten. Man kann aber schon jetzt sagen: Die Kathedrale ist quasi zu 100 Prozent gerettet."

Bald soll eine Art Schirm das offene Kirchenschiff vor Regen schützen. Schon jetzt blühen die Zierkirschbäume rund um die Kathedrale. Es ist Frühling, und es herrscht das Prinzip Hoffnung.

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15.04.2019: Kathedrale Notre-Dame de Paris in Flammen

Notre Dame

Es war ein lauer Frühlingsabend am 15. April 2019, als die Nachricht vom Feuer in Notre-Dame die Runde machte. | Bildquelle: dpa

Zwei Jahre nach dem Brand in Paris: Notre Dame und der Wiederaufbau
Stefanie Markert, ARD Paris
14.04.2021 23:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. April 2021 um 05:45 Uhr in der ARD Infonacht.

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