Mario Draghi Der Fleißige, der auch abschreiben lässt

Stand: 03.02.2021 14:41 Uhr

Als EZB-Chef rettete Mario Draghi nach Ansicht vieler Ökonomen den Euro - nun soll er Italiens Regierungskrise beenden. Ein Porträt eines politisch bisher eher zurückhaltenden Mannes, der schon in der Schule als der Fleißigste galt.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

"Innerhalb unseres Auftrags ist diese EZB bereit zu tun, was immer nötig sein wird, um den Euro zu bewahren." Auch in Italien ist Mario Draghi vor allem mit diesen drei Wörtern verbunden: "whatever it takes" - was immer nötig sein wird.

Gesagt hat Draghi sie als Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) im Juli 2012 in einer Rede im Lancaster House im Londoner West End. Bewirkt haben sie nach Ansicht vieler Ökonomen die Rettung des Euro - und nach Meinung mancher auch die Rettung der Europäischen Union.

Festhalten an der Nullzinspolitik

Entscheidungs- und Durchsetzungsstärke gegenüber vielen Politikern hat Draghi damals bewiesen. Wie auch in den Jahren danach, als der gelernte Wirtschaftswissenschaftler mit seinem Festhalten an der Nullzinspolitik deutsche Festzinssparer gegen sich aufbrachte. Sein Ansehen in der Heimat aber wuchs. Denn Italien und andere verschuldete Südländer sparten dank Draghis Zinspolitik jedes Jahr Milliarden.

Bei Auftritten in Rom aber ermahnte der zweifache Vater die Regierenden, die Chancen der Niedrigzinspolitik auch zu nutzen:

"Es ist eine unersetzliche Aufgabe der italienischen Politik, den Teufelskreis zu brechen, bevor er es unmöglich macht, die notwendigen Maßnahmen für das Wachstum zu ergreifen. Es ist wichtig, dass wir alle uns davon überzeugen, dass die Rettung des italienischen Haushalts nur von den Italienern ausgehen kann."

Eine Aufgabe, die jetzt auf ihn selbst zukommen könnte bei einem Wechsel in den Regierungssitz Palazzo Chigi.

Immer der Fleißigste in der Schule

Einer, der Draghi schon immer alles zugetraut hat, ist sein ehemaliger Klassenkamerad Luca di Montezemolo, später Ferrari- und Fiat-Chef. Draghi, erzählt Montezemolo, sei schon in der Schule immer der Fleißigste gewesen. Ein anderer früherer Mitschüler am Istituto Massimo berichtet, Draghi sei zwar ehrgeizig aufgetreten, habe aber auch immer abschreiben lassen.

Draghi selbst sagt, die Erziehung in der Jesuiten-Eliteschule im Süden Roms habe ihn als Mensch geprägt. "Standards von Exzellenz wurden uns dort vermittelt", erzählt er. "Aber gleichzeitig eine moralische Botschaft, die sich über den gesamten Schultag zog: Dass alle Sachen so gut gemacht werden müssen, wie es den eigenen Fähigkeiten entspricht."

Auch politisch zurückhaltend

Der meist freundlich und eher zurückhaltend auftretende Römer ist niemand, den es in Talkshows zieht. Papst Franziskus hat Draghi im vergangenen Jahr an die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften berufen.

Politisch hat der gläubige Katholik früher selten etwas von sich Preis gegeben. In einem Interview mit der "Zeit" verriet Draghi aber, er sei in seinen Studentenjahren Anhänger eines liberalen Sozialismus gewesen. Später, als Wirtschaftsprofessor an der damals linken Universität Trient, versuchte er den Studenten auch die Vorzüge des Kapitalismus nahezubringen. Einige Jahre arbeitete Draghi als Generaldirektor des Finanzministeriums, er ist also mit dem Apparat der Politik in Rom vertraut.

Einer größeren Öffentlichkeit in Italien wurde Draghi bekannt, als er 2005 zum Chef der italienischen Zentralbank aufstieg. Damals fiel er unter anderem dadurch auf, dass er sich nicht nur zu Finanzen, sondern auch zu sozialen Themen äußerte.

Investitionen in die Jugend

Seit seinem Abschied von der EZB 2019 ist Draghi in Italien selten in der Öffentlichkeit aufgetreten. Wenn allerdings, sorgte er für Schlagzeilen - wie im August vergangenen Jahres, als er sich beim alljährlichen Treffen der katholischen Laien in Rimini einen Rundumblick auf die italienische Politik gönnte und die aus seiner Sicht wichtigen Prioritäten nannte: "Die Bildung und ganz allgemein Investitionen in die Jugend. Das war immer wichtig. Aber die derzeitige Situation macht dringend erforderlich, dass es eine massive Investition von Klugheit und finanziellen Ressourcen in diesem Bereich gibt."

Draghis rund einstündige Rede beim Treffen in Rimini liest sich im Nachhinein fast wie der Entwurf eines Regierungsprogramms.

Porträt Draghi: Katholik, Sozialist, Liberaler - immer exzellent
Jörg Seisselberg, ARD Rom
03.02.2021 13:46 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Februar 2021 um 12:26 Uhr.

Darstellung: