Passanten in Bern gehen an den Ständen eines Weihnachtsmarktes vorbei. | Bildquelle: dpa

Trotz hoher Infektionszahlen Schweiz zögert Lockdown hinaus

Stand: 15.12.2020 11:20 Uhr

Die Schweizer Krankenhäuser sind wegen der sehr hohen Zahl an Covid-19-Patienten am Limit. Experten fordern daher Maßnahmen zur Eindämmung. Doch die Regierung scheut einen Lockdown.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich

Geöffnete Skigebiete, Gaststätten, Bars und Geschäfte - zwar gilt seit dem Wochenende in der Schweiz eine allgemeine Sperrstunde ab 19.00 Uhr, doch von einem strikten Lockdown ist die Eidgenossenschaft weit entfernt.

Angesichts vergleichsweise hoher Infektionszahlen - laut Johns-Hopkins-Universtät gab es in den vergangenen sieben Tagen fast 353 bestätigte Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner - machen sich die Schweizerinnen und Schweizer allerdings so ihre Gedanken. Das zeigen auch die Stimmen von Passanten aus Zürich: "Im Moment scheint es noch so, dass wir noch keinen totalen Lockdown haben müssen, aber wer weiß, wie das nach Weihnachten aussieht," sagt ein junger Mann. Und eine Passantin ergänzt: "Ja wahrscheinlich wäre es besser. Ich denke, es geht halt noch lange so jetzt. Es ist einfach irgendwie lasch, sagen wir so."

Mediziner warnen

Eindeutig ist die Einschätzung von Fachleuten aus dem Bereich der Gesundheitsversorgung: "Wir haben gesehen, die milden Maßnahmen nützen nicht genügend", sagte der Infektiologe Huldrych Günthard von der Uniklinik Zürich im Schweizer Fernsehen. "Wir haben keine Kapazitäten mehr. Wenn wir jetzt noch zusätzliche Kapazitäten für Corona zur Verfügung stellen, dann leiden einfach die anderen Patienten deutlich."

Neue Ad-Hoc-Intensivstationen

Laut einer Übersicht der Technischen Hochschule ETH Zürich sind in mehreren Kantonen die Intensivbetten komplett belegt. Angesichts dessen wurden nicht zertifizierte sogenannte Ad-Hoc-Intensivbetten eingerichtet. Doch auch die sind in mehreren Schweizer Regionen bereits zu 90 Prozent und mehr ausgelastet.

Die Direktoren der fünf Universitätskrankenhäuser der Schweiz haben in einem Brief an den Gesundheitsminister ihre große Besorgnis über die aktuelle Lage geäußert. Uwe Jocham von der "Insel Gruppe", zu der das Universitätsklinikum Bern gehört, sagte: "Es braucht einheitliche, klare Entscheide. Und es braucht eine Reduktion der Kontakte der Menschen untereinander. Und dafür braucht es auch einschneidende Maßnahmen. Ein Lockdown kann ein möglicher solcher Schritt sein."

Regierung zögert

Noch aber sperrt sich die Schweizer Regierung gegen einen landesweiten Lockdown, um die Wirtschaft zu schonen - und auch, weil man die Kantone nicht übergehen will, in denen sich die Infektionslage ganz unterschiedlich entwickelt. Gesundheitsminister Alain Berset bezeichnete die Lage als schwierig: "In der Westschweiz sinken die Zahlen weiter, aber in Zürich wir sind bei plus 15 Prozent in einer Woche, Ostschweiz plus 13, Zentralschweiz plus zwölf."

Die Bundesregierung zögert, Regionen mit einem Lockdown zu bestrafen, in denen die Zahl der Neuinfektionen sinkt. Dass man das im Ausland als Sonderweg betrachtet, scheint ihr bewusst zu sein. "Ich meine: Schweiz ist Schweiz und andere Länder sind andere Länder, aber wir beobachten auch was dort passiert. Und übrigens: Sie beobachten auch, was bei uns passiert", sagt Berset.

Entscheidung am Freitag

Die Entwicklung an den kommenden Tagen soll entscheiden: Bleibt es bei den derzeitigen Maßnahmen, kommen weitere Einschränkungen - oder wird vielleicht doch landesweiter Lockdown verhängt? Für kommenden Freitag werden entsprechende Beschlüsse erwartet.

Trotz hoher Infektionszahlen kein Lockdown - Schweizer Regierung zögert
Dietrich Karl Mäurer, ARD Zürich
15.12.2020 10:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Dezember 2020 um 05:13 Uhr.

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