Russischer Impfstoff Was steckt hinter Sputnik V?

Stand: 08.04.2021 14:48 Uhr

In 50 Staaten wird der russische Impfstoff Sputnik V bereits verimpft. Europa hat lange gezögert, nun kann es vielen mit der Zulassung nicht schnell genug gehen. Doch warum ist Sputnik V so umstritten?

Ein "guter Impfstoff" oder ein Mittel der "Propaganda" - am russischen Impfstoff Sputnik V scheiden sich die Geister. Inzwischen fasst das Vakzin nicht nur international zunehmend Fuß, auch in Deutschland werden die Stimmen lauter, die für eine baldige Zulassung des Impfstoffs plädieren.

So sagte der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, STIKO, Thomas Mertens, es sei "prinzipiell gut, sich Impfstoff zu sichern". Er wisse zwar nicht, welche Daten zu Sputnik V der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA vorlägen, sagte Mertens im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Er selbst kenne nur die im Fachmagazin "Lancet" publizierten Daten. "Die sehen sehr gut aus." Würde Sputnik V in Europa geprüft und zugelassen, hätte er gegen den Impfstoff nichts einzuwenden.

Einige Länder wollen nicht mehr auf die EMA warten

Wann das aber passiert, ist noch nicht klar. Die EMA hat den Antrag der russischen Arzneimittelhersteller bereits bekommen und das Prüfverfahren eröffnet. Die Vorsitzende des Verwaltungsrates der EMA, Christa Wirthumer-Hoche, warnte vor nationalen Notfallzulassungen.

Doch die Ungeduld wächst. Ungarn erteilte Sputnik V bereits im Februar eine nationale Zulassung und setzt das Mittel inzwischen ein. Auch die Slowakei und Tschechien bestellten Dosen und kündigten an, für deren Einsatz nicht auf die EMA-Zulassung warten zu wollen - und nun will auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ohne Einbindung der EU mit Russland über Sputnik-Impfstoff verhandeln.

Russland hatte als erstes Land einen Corona-Impfstoff

Angefangen mit Sputnik hatte es am 11. August 2020. Damals preschte Russlands Präsident Wladimir Putin vor und gab bekannt, dass die weltweit erste Registrierung eines Corona-Impfstoffs gelungen sei.

Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Die Datenlage, die die Wissenschaftler des Gamaleja-Forschungszentrums für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau, die den Impfstoff entwickelt hatten, veröffentlicht hatten, sei intransparent, es gebe zu wenig Probanden und die klinischen Studien seien auch noch nicht beendet.

Befremdlich fand Infektiologe Leif Erik Sander von der Berliner Charité das alles, sagte er im Interview mit tagesschau.de. Man brauche vollumfängliche Studiendaten, um sicher zu sein, dass der Nutzen eines solchen Impfstoffes die Risiken bei weitem überwiege.

Wie funktioniert Sputnik V?

Mittlerweile ist bekannt, wie der Impfstoff aufgebaut ist. Sputnik V ist - wie das Vakzin von AstraZeneca und von Johnson & Johnson - ein vektorbasierter Impfstoff. Das bedeutet, dass für den Menschen ungefährliche Trägerviren, beispielsweise Adenoviren, benutzt werden, um Fragmente des Coronavirus in den Körper zu bringen. Die menschlichen Körperzellen nehmen dann diese Erbinformationen auf und produzieren selbst ein Eiweiß des Virus. Darauf reagiert das Immunsystem und bildet Antikörper.

Die russischen Wissenschaftler haben aber noch einen Kniff verwendet, so Sander - sie benutzen zwei verschiedene Trägerviren: ein Adenovirus für die Erstimpfung und ein anderes für die Zweitimpfung. Damit könnte das Immunsystem eine stärkere Immunantwort auf den Impfstoff produzieren. Das Prinzip mit den zwei verschiedenen Adenoviren sei bekannt und auch schon etabliert, sagt Sander.

Nachteile würden dann entstehen, wenn es bei einem der beiden Adenoviren Lieferengpässe geben sollte, was in der Vergangenheit auch schon geschehen sei.

Wie wird Sputnik V bewertet?

Die Zahlen, die die russischen Wissenschaftler bekannt gegeben haben, sind vielversprechend. Im medizinischen Fachblatt "The Lancet" gaben die Wissenschaftler Zwischenberichte von 20.000 Probanden bekannt. Demnach habe der Impfstoff eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Das bedeutet, dass in der Gruppe der Geimpften 91,6 Prozent weniger Erkrankungen aufgetreten sind als in der Gruppe der Nicht-Geimpften, also der Kontrollgruppe.

Infektiologe Sander sagt, mit diesen Zahlen müsse man vorsichtig umgehen. Die verschiedenen Impfstoffe anhand dieser Zahl zu vergleichen sei schwierig, denn die Studien zur Wirksamkeit hätten nicht alle den gleichen Beobachtungszeitraum. Sie wurden zudem in unterschiedlichen Ländern gemacht und unter unterschiedlichen Studienbedingungen. Wichtig sei die Aussage, ob die Impfung vor einer schweren Erkrankung schütze.

Einige Ungereimtheiten bleiben

Auch die Nebenwirkungen wurden untersucht und in der "Lancet"-Studie veröffentlicht. Hier heißt es, dass die meisten Probanden von grippeähnlichen Symptomen sprachen. Außerdem berichteten viele von Schmerzen am Arm und einer vorübergehenden Schwäche und Erschöpfung. Der Impfstoff sei in allen Altersgruppen gut verträglich.

Genau an diesem Punkt sind viele Wissenschaftler aber noch immer nicht zufrieden. Der Molekularbiologe Enrico Bucci, der in Italien ein Institut für wissenschaftliche Integrität namens Resis leitet, findet noch immer mehrere Ungereimtheiten. Die Rohdaten seien noch immer nicht veröffentlicht, so fehle es also noch immer an Transparenz.

Es seien bisher vier Todesfälle infolge einer Sputnik-Impfung gemeldet worden. Details zu den Umständen gebe es aber nur von zwei Personen. Außerdem sei unklar, wie viele Probanden wirklich an der Studie teilgenommen hätten, und auch bei der Berechnung der Wirksamkeit gebe es Fragen.

EMA fehlen weiterhin wichtige Studienergebnisse

Genau um diese Unklarheiten muss sich nun die EMA in Amsterdam kümmern. Am 4. März hatte sie mit der Prüfung für eine EU-weite Zulassung begonnen. Sie braucht für eine Empfehlung zur Zulassung einen vollständigen transparenten Datensatz.

Gelingt es den russischen Forschern, die Unklarheiten auszuräumen, dann würde STIKO-Chef Mertens Recht behalten und der Impfstoff könnte in der EU zugelassen werden. Dies dürfte einige Wochen bis Monate in Anspruch nehmen. Und bislang, so heißt es aus Amsterdam, fehlten noch wichtige Studienergebnisse.

Russland stellt 50 Millionen Impfdosen in Aussicht

Die russische Regierung will bis Juni 40 Millionen Menschen in Russland geimpft haben. Bis Anfang April haben bereits mehr als zehn Millionen Russen die erste Impfdosis erhalten. Insgesamt leben in Russland knapp 145 Millionen Menschen.

Ob Russland also viel mehr als den russischen Markt und weitere Länder wie Ungarn und Pakistan beliefern kann, ist offen. Außerdem, so Sander, stünden noch einige andere Impfstoffe kurz vor der Zulassung, so sei nicht sicher, ob der Impfstoff aus Russland wirklich einen großen Unterschied machen könnte.

Dennoch - Sputnik V könnte der erste nicht-westliche Corona-Impfstoff werden, der in der EU eine Zulassung erhält. Als Reaktion auf den Start der EMA-Prüfung stellte Russland die Belieferung der EU mit 50 Millionen Impfdosen ab Juni in Aussicht.

Mit Informationen von Anja Martini, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. April 2021 um 11:07 Uhr.

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