Zwei Frauen laufen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew an einer überdimensionalen Atemschutzmaske vorbei. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Pandemie Die Ukraine im Impf-Fiasko

Stand: 21.01.2021 15:21 Uhr

Bei der Impfstoff-Beschaffung klappt nichts: Die ukrainischen Behörden haben ein Vakzin bestellt, das im Land nicht zugelassen ist - und davon zu wenig. Klar ist: Es soll ohne russischen Impfstoff gehen.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Während in Deutschland über einen zu langsamen Impf-Fortschritt geklagt wird, ist in der Ukraine noch immer kein Impf-Start in Sicht. Das Gesundheitsministerium hofft, dass es im Februar losgehen kann. Experten rechnen allerdings damit, dass ein erster Impfstoff erst im März bereit steht. Welcher, scheint weiter offen.

Das wirtschaftlich angeschlagene Land hatte zunächst erklärt, auf das chinesische Vakzin setzen zu wollen. Zudem hatte man sich klar gegen den russischen Impfstoff "Sputnik V" ausgesprochen, da dieser nicht ausreichend klinisch getestet sei. Bei der Entscheidung dürften auch politische Gründe eine Rolle gespielt haben.

Zulassung nur bei Wirksamkeit über 70 Prozent

Von einem Fiasko ist die Rede; einem Debakel bei der Impfstoff-Beschaffung. Die ukrainische Regierung hofft zwar, dass im kommenden Monat die erste Partie des chinesischen Impfstoffes der Firma Sinovac Biotech geliefert wird. Doch der ist in der Ukraine noch nicht zugelassen, weil nicht alle klinischen Studien im Ausland abgeschlossen sind. Von ihrem Erfolg hänge ab, wie es weitergeht, sagt Gesundheitsminister Maxim Stepanow.

"Ein Impfstoff wird in der Regel zugelassen, wenn seine Wirksamkeit über 50 Prozent liegt. Das ist internationaler Standard. Wir aber haben in unserem Vertrag den Standard erhöht. Wir haben festgelegt, dass die Wirksamkeit nicht unter 70 Prozent liegen sollte", erklärte er.

Ob der chinesische Impfstoff diese Anforderung erfüllt, ist zurzeit fraglich. Vorläufigen Ergebnissen aus Brasilien und Indonesien zufolge liegt die Wirksamkeit unter 70 Prozent. Man warte auf den offiziellen Abschlussbericht, sagt der Gesundheitsminister. Es sei ein heißes Eisen.

Eine Corona-Station in einer Klinik im westukrainischen Lwiw. | Bildquelle: AP
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Warten auf den Impfstoff: eine Corona-Station in einer Klinik im westukrainischen Lwiw.

Ein Tropfen auf dem heißen Stein

Nicht das Einzige, wie sich zeigt: 700.000 Dosen des chinesischen Impfstoffes sollen - wenn es denn so kommt - im Februar geliefert werden. Es wäre ein Tropfen auf dem heißen Stein. Selbst wenn die Gesamtmenge käme, meint der Chef der Kommission für biologische Sicherheit im Nationalen Sicherheitsrat, Serhij Komissarenko, sei klar, "dass die bestellten Dosen nicht ausreichen werden, um eine ernstzunehmende Impf-Aktion in der Bevölkerung zu starten".

Von 1,9 Millionen Dosen des chinesischen Impfstoffes, der keine aufwendigen Kühlketten erfordert, ist die Rede. Hinzu kommen sollen acht Millionen Dosen anderer Hersteller, die die Ukraine dank der Verteilinitiative der Weltgesundheitsorganisation erhalten soll.

Herdenimmunität so nicht erreichbar

Angesichts der nicht ausreichenden Menge an Impfstoff soll es im Land nicht nur eine Impf-Reihenfolge geben, sondern außerdem wird auch über Impfungen diskutiert, die selbst bezahlt werden müssen - was eine Mehrheit der Bevölkerung Umfragen zufolge ablehnt.

Das Ziel einer Herdenimmunität könne man unter all diesen Bedingungen abschreiben, meint die Ärztin Kateryna Amossowa:

"Wir sehen leider keine Ziele, die man erreichen will. Man tut einfach irgendwas. Denn wenn man nichts tun würde, wären die Ukrainer unzufrieden, dass nichts passiert."

Inzwischen hat die Regierung ein international tätiges Entwicklungsunternehmen mit der Impfstoff-Beschaffung beauftragt, um endlich voran zu kommen.

Ein Fläschchen des in Russland entwickelten Corona-Impfstoffs "Sputnik V" steht in einer Metallschale. | Bildquelle: dpa
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Ein Fläschchen des in Russland entwickelten Corona-Impfstoffs "Sputnik V": Ihn will die ukrainische Regierung auf keinen Fall kaufen.

Berichte über florierenden Impfstoff-Schwarzmarkt

Egal, wie groß die Not ist: Den russischen Impfstoff Sputnik V will man nicht einsetzen. Zum einen, weil er klinisch nicht ausgetestet sei, sagt Außenminister Dmytro Kuleba. "Aber es gibt einen Faktor, der noch viel wichtiger ist als der medizinische - es ist ein Propagandafaktor." Denn von russischer Seite heiße es dann: "Alle haben euch im Stich gelassen, ihr könnt nichts tun, aber - wie immer - stehen wir, euer Brudervolk, euch bei…."

Ob es auch ohne russischen Impfstoff gehen wird, ist offen. Denn die Ukraine braucht rund 40 Millionen Dosen, um wie versprochen bis Ende 2022 die Hälfte der Bevölkerung gegen das Coronavirus impfen zu können. 

Manch einem mit Geld und Einfluss dauert das offenbar zu lange: Der Schwarzmarkt mit geschmuggeltem Impfstoff soll bereits florieren. Die Behörden ermitteln.

Ukraine: Ein Impfstart ist nicht in Sicht
Christina Nagel, ARD Moskau
21.01.2021 10:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Januar 2021 um 05:50 Uhr.

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