Evo Morales | Bildquelle: AP

Bolivien Jubel und Chaos nach Morales' Rücktritt

Stand: 11.11.2019 09:43 Uhr

In Bolivien überschlagen sich die Ereignisse: Morales spricht nach seinem Rücktritt als Präsident von Putsch. In La Paz kam es zu Jubel und Ausschreitungen. Wer das Land nun regiert, ist allerdings unklar.

Nach dem Rücktritt des bolivianischen Präsidenten Evo Morales hat es in der bolivianischen Stadt La Paz und im nahegelegenen El Alto zahlreiche Ausschreitungen gegeben. Wie örtliche Medien berichteten, wurden in der Nacht zum Montag mehrere Busse sowie die Häuser mehrerer prominenter Menschen in Brand gesetzt. In beiden Städten patrouillierten Regierungstruppen in der Nacht.

Boliviens Zukunft nach Morales Rücktrittserklärung ungewiss
tagesschau 12:00 Uhr, 11.11.2019, Simon Riesche, ARD Santiago de Chile

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Die Nahverkehrsbetriebe teilten über Twitter mit, dutzende Demonstranten hätten Einrichtungen des Betriebs gestürmt und Busse angezündet. Medien zeigten Videos von brennenden Bussen. Die Botschaft Venezuelas wurde von vermummten Demonstranten besetzt.

"Uns geht es gut und wir sind in Sicherheit, aber sie wollen ein Massaker veranstalten", sagte die venezolanische Botschafterin Crisbeylee Gonzalez der staatlichen Nachrichtenagentur ABI. Die Demonstranten seien mit "Dynamit ausgestattet."

UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich besorgt über die Lage in Bolivien. Alle relevanten Seiten müssten auf Gewalt verzichten, Spannungen abbauen und äußerste Zurückhaltung üben, mahnte der Sprecher Stéphane Dujarric. Guterres rufe die Bolivianer auf, eine friedliche Lösung der aktuellen Krise anzustreben und transparente sowie glaubwürdige Wahlen sicherzustellen.

Jubel bei Morales' Gegnern

Viele Bolivianer hatten die Nachricht von Morales' Rücktritt unterdessen begeistert aufgenommen. Unmittelbar nach seiner Ankündigung brachen Bürger in La Paz - dem Regierungssitz - und anderen Städten in Jubel aus, schwenkten Nationalflaggen und zündeten Feuerwerk. Demonstranten setzten vor dem Präsidentenpalast einen Sarg in Brand, um den Tod der Regierung zu symbolisieren.

Morales war drei Wochen nach seiner umstrittenen Wiederwahl zurückgetreten. Er hatte sich dabei zum Sieger in der ersten Runde erklärt. Sein stärkster Gegenkandidat, der Ex-Präsident Carlos Mesa, und Oppositionsführer Luis Fernando Camacho warfen ihm daraufhin Wahlbetrug vor und forderten ihn zum Rücktritt auf.

Nachdem die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in einem vorläufigen Bericht Manipulationen bei der Präsidentenwahl festgestellt und eine Annullierung empfohlen hatte, kündigte Morales eine Neuwahl an. Doch der Druck wuchs weiter, sodass er schließlich seinen Rücktritt einreichte.

Proteste gegen Morales in der Nähe des Präsidentenpalastes | Bildquelle: AP
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In La Paz war es bis zuletzt zu Protesten gegen die Regierung gekommen.

Der Präsident selbst sprach in einer Fernsehansprache von einem Putsch. Am Sonntagabend twitterte er, dass die Behörden ihn festsetzen wollten. Zudem hätten gewalttätige Banden sein Haus gestürmt. Der Chef der bolivianischen Polizei äußerte dagegen in einem Fernsehinterview, es gebe keinen Haftbefehl gegen Morales. Berichten zufolge soll sich dieser derzeit im zentralbolivianischen Cochabamba aufhalten, wo er seinen Zweitwohnsitz hat.

Mexiko bietet politisches Asyl an

Einige von Morales' Verbündeten in Lateinamerika bezeichneten die Wende der Ereignisse ebenfalls als "Putsch", darunter der venezolanische Präsident Nicolas Maduro und der designierte argentinische Präsident Alberto Fernandez. Der mexikanische Außenminister Marcelo Ebrard sagte, sein Land werde Morales Asyl anbieten, wenn er es suche.

Wer Morales nun nachfolgt, ist unklar. Zahlreiche Vertreter von Morales' Lager legten am Sonntag ebenfalls ihre Ämter nieder, darunter auch der Vizepräsident Álvaro García Linera und die Senatspräsidentin Adriana Salvatierra, die laut Verfassung als seine Nachfolger infrage gekommen wären.

Medien spekulieren über Nachfolge

Medien spekulierten, dass die Vizepräsidentin des Senats, die Oppositionspolitikerin Jeanine Añez, vorübergehend die Macht übernehmen werde. Dem Nachrichtenportal "Infobae" sagte sie, das Parlament müsse sie zur Interimspräsidentin ernennen, nachdem es den Rücktritt von Morales bestätigt habe.

Mit Morales' Rücktritt geht eine Ära in Bolivien zu Ende. Er war der erste Präsident des Landes mit indigener Herkunft; und er war 13 Jahre und neun Monate an der Macht - und damit länger als jeder andere Staatschef des Landes. Der Sozialist führte Bolivien in eine Phase wirtschaftlichen Wachstums, dämmte die Inflation ein, ließ Straßen bauen und Boliviens ersten Satelliten ins All schicken. Aber dann verprellte er viele einstige Bewunderer, indem er ein Referendum nicht anerkannte, das die Begrenzung der Amtszeiten des Präsidenten bestätigte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. November 2019 um 06:00 Uhr.

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