Naama Issachar wird in einen Moskauer Gerichtssaal geführt. | Bildquelle: AFP

Fall Naama Issachar Zehn Gramm Haschisch werden zum Politikum

Stand: 18.01.2020 13:28 Uhr

Wegen ein paar Gramm Haschisch im Koffer soll die Israelin Naama Issachar in Russland für siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis. Dabei geht es wohl weniger um Drogen als um Politik.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Die Stadtautobahn von Tel Aviv: An einem Brückengeländer hängt ein rot-weißes Transparent mit der Aufschrift "Bringt Naama nach Hause". Denn Naama ist nicht zu Hause in Israel. Sie befindet sich in einem Gefängnis in Russland.

"Ich kann nachts nicht mehr schlafen", sagt Naamas Schwester im israelischen Fernsehen. "Ich habe ständig den Gesichtsausdruck von meiner Mutter und Naama vor mir, als wir erfuhren, dass die Berufung vom Gericht in Russland abgelehnt wurde. Mir tut das so weh." Naama habe in einem gläsernen Käfig im Gerichtssaal gesessen und musste dann zurück ins Gefängnis. "So etwas vergisst man nicht."

"Sie üben damit Druck aus"

Naama Issachar ist 26 Jahre alt und Yoga-Lehrerin. Vor neun Monaten flog sie nach einem Urlaub von Indien nach Israel und stieg auf einem Flughafen in Moskau um. Russische Ermittler fanden dort nach eigener Darstellung knapp zehn Gramm Cannabis in ihrem Gepäck. Eine eher kleine Menge einer sogenannten weichen Droge, die in der Regel keine hohe Strafe rechtfertigt. Doch ein russisches Gericht verurteilte die Israelin zu einer Gefängnisstrafe von siebeneinhalb Jahren.

Mutter und Schwester von Naama Issachar im Moskauer Gerichtssaal. | Bildquelle: AP
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Mutter und Schwester von Naama Issachar verfolgen die Verhandlung im Moskauer Gerichtssaal.

Viele Israelis sind entsetzt. Auch Zvi Magen glaubt nicht an ein gewöhnliches Gerichtsurteil. Der Diplomat im Ruhestand war früher Botschafter Israels in Moskau. "Die Begründung, mit der sie ins Gefängnis gebracht wurde, ist gemein und unseriös. Der wahre Grund für die Haft ist politisch." Dann müsste man sich fragen: Warum machten die Russen das? "Natürlich: Sie üben damit Druck aus!"

Hacker gegen Yoga-Lehrerin?

Israel und Russland hätten eigentlich ein gutes Verhältnis, sagt der ehemalige Botschafter. Viele Israelis stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und sprechen bis heute überwiegend Russisch. Doch manchmal werden die Dinge kompliziert.

So nahm Israel vor etwa fünf Jahren einen mutmaßlichen russischen Hacker fest. Russland wollte unbedingt verhindern, dass der Mann von Israel an die USA ausgeliefert wird. Israelische Journalisten vermuten, dass Naama deshalb so hart bestraft wurde. Doch Israel lehnte einen Austausch der beiden Gefangenen ab. Und überstellte den Russen im November an die Amerikaner.  

Netanyahu braucht einen Sieg

Das Video des gescheiterten Berufungsverfahrens sorgte in Israel für Bestürzung. Es zeigt, wie Naama in einem gläsernen Käfig in einem russischen Gerichtssaal steht. Dort nimmt sie ein früheres Geständnis zurück: "Ich habe das Haschisch nicht gekauft. Ich habe es von niemandem genommen und nicht in meine Tasche gepackt."

Der Fall sei für sich gesehen keine große Sache, meint der frühere israelische Botschafter in Moskau. Aber: "Naama Issachar bereitet Premierminister Benjamin Netanyahu ständige Kopfschmerzen. Denn jeder israelische Bürger verlangt von ihm, Naama nach Hause zu bringen."

Netanyahu sieht sich einer Anklage wegen Korruption ausgesetzt. Und er befindet sich mitten im Wahlkampf. Dem dritten innerhalb von nur einem Jahr. Der israelische Premier weiß: Wenn Naama freikommt, wäre das auch sein Sieg.

Putin will nach Israel reisen

"Manche halten mich für einen Zauberer", sagte Netanyahu vor ein paar Wochen. "Was Putin betrifft, kann ich Euch sagen, dass ich zwar kein Zauberer bin, aber: Ich werde Naama Issachar nach Hause bringen."

Menschen demonstrieren im Oktober 2019 in Tel Aviv für die Freilassung von Naama Issachar. | Bildquelle: AFP
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In Tel Aviv demonstrieren zahlreiche Israelis für die Freilassung Naama Issachars (Oktober 2019).

Vor wenigen Tagen telefonierte Netanyahu dann auch mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Der wird in der kommenden Woche nach Israel reisen, um an einer Veranstaltung zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren teilzunehmen. Nach dem Telefonat ließ Netanyahu verkünden, dass man einer Lösung näher komme. "Netanyahu ist kein dummer Mann", sagt Ex-Botschafter Magen. "Wenn er verspricht, dass Naama frei kommt, weiß er bereits, dass er sein Versprechen einhalten wird."

Naama als Druckmittel für Syrien-Deal?

Stellt sich die Frage, warum Putin die Israelin begnadigen sollte, nachdem Israel den russischen Staatsbürger zuvor doch an die USA auslieferte. Die Antwort liegt nach Einschätzung von Magen in Syrien: Russland hat sich dort mit starker Militärpräsenz an die Seite des Machthabers Baschar al-Assad gestellt. Der wiederum paktiert mit dem Iran - einem Erzfeind Israels. Immer wieder greift Israel Stellungen des Iran und von dessen Verbündeten in Syrien an. Russland toleriert das bisher.

Magen ist überzeugt: Naama Issachar wird schon bald wird freikommen - als Teil einer umfassenden Vereinbarung zwischen Russland und Israel, wie es in Syrien weitergehen soll. Putin könne in der kommenden Woche nicht einfach nach Israel reisen, ohne den Fall der jungen Israelin zu lösen.

Doch welchen Preis würde Israel bezahlen, damit Russland Naama Issachar freilässt? Das sei eine heikle Frage, sagt der frühere israelische Spitzendiplomat Magen. Und bleibt vage. Sollte es tatsächlich einen Deal geben, werden die Details wohl nicht veröffentlicht.

Sieben Jahre Haft für Naama Issachar
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
18.01.2020 12:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. Januar 2020 um 15:00 Uhr.

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