Salem | Bildquelle: Anne Allmeling

Hoffen auf ein deutsches Visum "Jeder Tag fühlt sich wie ein Jahr an"

Stand: 31.07.2018 17:02 Uhr

Salem hat seinen Sohn vor drei Jahren das letzte Mal gesehen - damals schickte er seinen Sechsjährigen von Syrien nach Deutschland. Nun will der Vater nachkommen und hofft auf den Familiennachzug.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo, zzt. Beirut

Salem ist Syrer und hofft, bald nach Deutschland zu dürfen: Er will endlich seinen Sohn Said wiedersehen. Mit der Neuregelung des Familiennachzugs steigen seine Chancen auf ein Visum. Doch ob er wirklich eines bekommt und wann, steht in den Sternen.

Der Vater telefoniert mit seinem Sohn. Fast zärtlich hält er das Handy in der Hand, hört zu, fragt nach. Das Telefon ist seine einzige Verbindung zu Said. Drei Jahre lang hat ihn Salem nicht mehr gesehen.

"Ich sehne mich nach meinem Sohn. Jeder Tag ohne ihn fühlt sich wie ein Jahr an oder wie zwei. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich schon warte. Er fehlt mir, er fehlt mir sehr. Und mich treibt der Gedanke um, dass ich sterben könnte, ohne ihn noch einmal zu sehen."

Mit sechs Jahren auf die Flucht nach Deutschland

Anfang 2015 hat Salem den damals sechsjährigen Said von der Türkei aus nach Deutschland geschickt - über Griechenland und Ungarn, zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwägerin. Salems Frau lebt nicht mehr. Sie ist an Krebs gestorben, als Said vier Jahre alt war.

Seit der Flucht übers Mittelmeer ist der Junge auch von seinem Vater getrennt, denn für Salems Flucht hat das Geld nicht mehr gereicht. Er musste sich in Istanbul von seinem Sohn verabschieden. "Vier Tage lang bin ich durch die Straßen der Stadt geirrt und habe geweint. Dann bin ich nach Hause zurückgekehrt. Ich konnte es nicht mehr ertragen, die Orte zu sehen, an denen er gespielt hat", erinnert sich Salem.

600 Euro zum Leben

Salem stammt aus Aleppo. Wie viele Syrer hatte er das Land verlassen, als der Krieg dort unerträglich wurde. Mittlerweile lebt er im benachbarten Libanon. Dort arbeitet er in einer Tischlerei am Rande von Beirut, für umgerechnet 600 Euro im Monat. Davon zahlt Salem Miete und seinen Lebensunterhalt. Ab Mitte des Monats bleibe für Essen und Trinken fast nichts mehr übrig, sagt er. "In Aleppo hatte ich eine hervorragende Arbeit. Ich habe als Schneider gearbeitet und hatte mein eigenes Geschäft. Ich hatte Angestellte. Unsere Waren haben wir im ganzen Land verkauft."

Der aus Syiren stammende Salem arbeitet an einer Nähmaschine. | Bildquelle: Anne Allmeling
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Eigentlich hat Salem das Schneidern gelernt - im Libanon verdient er seinen Unterhalt in einer Tischlerei.

"Syrien wäre ein Schock für meinen Sohn"

Von seinem alten Leben ist Salem nicht viel geblieben: Seine Frau ist gestorben, sein Haus in Aleppo wurde zerstört, seine Verwandten haben das Land verlassen - und sein Sohn Said lebt Tausende Kilometer weit entfernt. Täglich sprechen sie miteinander, erzählen sich, was sie erleben. Said kann das längst auf Deutsch. Salem spricht nur Arabisch. Am liebsten, sagt er, würde er nach Syrien zurückkehren, denn überall sonst auf der Welt sei er ein Flüchtling. Aber die Sehnsucht nach seinem Sohn und die Sorge um Saids Zukunft überwiegen.

"Die Lage in Syrien hat sich etwas beruhigt, aber ich will, dass mein Sohn in Deutschland bleibt. Dort respektieren sie die Menschen. Ich will nicht, dass mein Sohn in Syrien aufwächst und leidet. Er lebt jetzt seit Jahren in Deutschland, und Syrien wäre ein Schock für ihn."

Hoffen und Warten

Seinen Sohn wieder in die Arme schließen, das ist Salems größter Wunsch. Bei der Deutschen Botschaft in Beirut hat er schon vor Wochen ein Visum beantragt. Ob er zu den ersten 1000 Nachzüglern gehört, die nach Deutschland dürfen? Salem hofft und wartet. Und schaut immer wieder das Video von seinem Sohn: Wie Said unter einem Baum im Grünen sitzt und singt: "Heute ist die Schule aus. Alle Kinder fahrn nach Haus. Tschü-hüs, auf Wiedersehen! Bis nachher!"

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. August 2018 um 08:38 Uhr.

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